ALEPPO – PATER IBRAHIM

Briefe    ,  ·  29.Okt 2015  ·  0 kommentar  ·  von Ilaria, Mailand

PATER IBRAHIMS SCHUTZENGEL

Lieber Julián, ich studiere Philosophie. Als freiwillige Helferin beim Meeting war ich die Hostess für Pater Ibrahim Alsabagh. Pater Ibrahim ist ein Mensch, der jeden Moment des Tages mit außergewöhnlicher Intensität lebt. Er ist unermüdlich, immer bereit und aufmerksam und von entwaffnender Einfachheit. Ein Mensch, der sich gewiss ist, dass sein Leben in den Händen eines Anderen liegt. Und selbst diese Beschreibung wird ihm nicht gerecht. Aber vielleicht die folgende. Als Don Pino sich von Pater Ibrahim verabschiedete, berichtete er, viele seien zu ihm gekommen und hätten gesagt: „Als ich Pater Ibrahim gesehen habe, habe ich begriffen, was es heißt, mit einer Gegenwart im Blick zu leben.“ Von dem Moment an, als er das Messegelände betrat, und noch mehr nach seinem Vortrag von Sonntagnachmittag, wollten Hunderte ihn treffen und ihm für sein Zeugnis danken, um sein Gebet oder seinen Segen bitten oder ihn nur schüchtern begrüßen. Auch kurze Wege erforderten viel Zeit, weil er niemandem seine Aufmerksamkeit verweigerte. Sonntagabend, nachdem er einen jungen Mann begrüßt hatte, sagte er mir: „Schau, ich weiß nicht, warum der Herr wollte, dass ich hier bin. Aber vielleicht ging es nicht um den Vortrag heute Nachmittag, sondern um einen von denen, die hier zu mir kommen, umarmen zu können.“ In einer ähnlichen Situation sagte er scherzend zu mir: „Du bist ein zarter Schutzengel!“ Stimmt, denn oft war ich nicht fähig, die Gespräche mit den Leuten, die auf ihn zukamen, zu unterbrechen und ihn wegzuführen. Er war ein so großes Geschenk, dass ich es wirklich nicht schaffte, ihn nicht mit anderen zu teilen. Sonst wache ich oft eifersüchtig über meine Beziehungen, aber diesmal habe mich ganz geöffnet und wollte dazu beitragen, dass andere ihm begegnen konnten. Ich merkte, dass das Zusammensein mit Pater Ibrahim mich und meinen Blick auf andere veränderte. Ich sehnte mich danach, meine Freunde mehr zu lieben und an dem Ort, an den ich gestellt war, besser zu dienen. An dem Morgen, an dem er abflog, stand ich auf und fühlte mich plötzlich sehr einsam. Er rief mich vom Flughafen aus an, und seine heitere Stimme (er wollte nur fragen, ob ich mich gut erholt hätte – ich!), so kurz vor der Rückkehr nach Aleppo, war eine weitere Bestätigung für alles, was ich in diesen Tagen gesehen hatte. Es ist schwer, sich zufriedenzugeben, nachdem man eine solche Fülle erlebt hat. Nach nur wenigen Stunden fürchtete ich schon, die Wehmut könne wieder die Überhand gewinnen. Aber ich merkte schnell, dass es eine süße Wehmut war und ich mir keine Sorgen zu machen brauchte. Denn mein Handeln war schon durch diese Begleitung geprägt, die ich noch bis zum Abend vorher hatte genießen dürfen. Als ich ins Messegelände zum Büro der Hostessen kam, begann ich, die Adressen einiger Leute, die Pater Ibrahim getroffen hatte, herauszusuchen. Gerade als ich zur Tür hinaus wollte, fragte mich jemand: „Bist du frei? Wir brauchen eine Hostess für die Veranstaltung mit Renzi.“ Ich hatte drei Tage lang ohne Pause „gearbeitet“ und war sehr müde. Mir war gar nicht in den Sinn gekommen, dass das Meeting ja trotzdem weiterging und damit auch meine Arbeit! Deshalb antwortete ich etwas gequält: „Ja, ich gehe mich kurz umziehen.“ Aber der nächste Gedanke, den ich hatte, war: „Pater Ibrahim hätte nicht gezögert.“ Daher brachte ich es nicht übers Herz, mich davor zu drücken. Eine Woche zuvor hätte ich das getan! Oder ich hätte mich beklagt. Die gleiche Veränderung bemerkte ich auch in der Art, wie ich meine Freunde anschaute. Es geschieht einfach, noch bevor man sich anstrengen oder zwingen muss, „brav zu sein“.

von Ilaria, Mailand

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