BOB DYLAN

Aktuelles, Kultur    ,  ·  18.Nov 2016  ·  0 kommentar  ·  von Jason Blakely*

EIN NOBELPREISWÜRDIGER MYSTIKER

Zwischen Folk und Beat, Linken und Spiritualität, Rimbaud und Augustinus. Hat Bob Dylan den Nobelpreis auch aufgrund seines unruhigen Herzens erhalten? Ein Portrait.

Bob Dylan hat den Literaturnobelpreis 2016 erhalten. Ganz unabhängig von der Frage, ob es sinnvoll erscheint, diesen Preis, der normalerweise Romanciers und Lyrikern vorbehalten ist, einem Liedermacher zu verleihen, wird in den USA jetzt wieder über die politische Dimension seiner Kunst gestritten. Diese Debatte ist nicht weitergekommen, seit Bob Dylan in den Sechziger Jahren zum ersten Mal auf der Bühne stand. Gleichzeitig drückt er selber schon seit fünf Jahrzehnten sein Befremden über eine bestimmte „liberale“ und linke amerikanische Kultur aus, die ihn als einen ihrer Bannerträger reklamiert. Er wolle lieber als „Trunkenbold, Spinner, Zionist oder Buddhist, Katholik oder Mormone“ gesehen werden, denn als „der Erzbischof der Anarchie“, also als „Sprachrohr“ der Linken aus den Sechzigern, erklärte er 2004. Das verwirrte verständlicherweise viele Fans auf der Linken. Denn Bob Dylan galt stets als Emblem der Protestbewegung. Heute verstehen die wenigsten seine Sichtweise und Einstellung.

Wunderkind. Es trifft zu, dass Dylan zumindest am Anfang zur Tradition der linken Folk-Sänger und Liedermacher gehörte. Der Folk war Mitte des vergangenen Jahrhunderts eine populäre Musikrichtung in den USA, die Elemente der traditionellen Volksmusik nutzte, um auf Probleme wie Rassismus, die Ausbeutung der Arbeiterklasse oder den Machtmissbrauch der Wirtschaftselite aufmerksam zu machen. Die Bewegung wollte politisches Bewusstsein wecken und die Gesellschaft verändern. Bob Dylan war ihr Wunderkind.

Seine bekanntesten Stücke schrieb er schon vor seinem 25. Geburtstag. Blowin’ in the Wind stammt aus dieser Zeit. Der Song wurde zur Hymne der Bürgerrechtler und Pazifisten. Er ist inzwischen so bekannt, dass er seine lyrische Kraft eingebüßt hat. Dennoch lebt darin der ursprüngliche epochale Aufschrei fort: „Wie viele Wege muss ein Mann gehen, / bevor man ihn einen Mann nennt? / […] Wie oft müssen die Kanonenkugeln noch fliegen, / bevor sie für immer verbannt werden?“ Dylan meint, die Antwort darauf „verweht im Wind“. Wir kennen sie nicht. Der Wind steht für die Wünsche, Hoffnungen, und Träume von einer gerechteren Gesellschaft. Eine Gerechtigkeit, die noch nicht verwirklicht ist und die der Mensch nicht selber schaffen kann.

Die etwas mystische und vage Antwort  Dylans verweist aber noch auf eine andere Tradition, aus der sich seine Kunst speist. Sie gewann einen wesentlich stärkeren Einfluss auf ihn und führte zu Spannungen mit der Linken: der Beat. Auf den ersten Blick scheint die Beatmusik in völligem Einklang mit den Idealen der Linken zu stehen. Schließlich wird der Beat oft als Vorläufer der Hippie-Kultur gesehen, die gegen Konformismus, Konsumdenken und Traditionalismus rebellierte. Wie die Romantiker, von denen sie teilweise inspiriert waren, sah auch die Beat Generation Kunst als eine ästhetische Suche nach spiritueller Erleuchtung, im Gegensatz zum Hyper-Rationalismus der Moderne. Dieses Ziel versuchte sie zum Teil auch mithilfe asiatischer Religionen wie des Buddhismus zu erreichen. Öfter jedoch noch durch anti-moralistisches Experimentieren mit Drogen, Sex, Kunst, Reisen, und indem sie sich unablässig mit den Ausgegrenzten und Outlaws der amerikanischen Gesellschaft identifizierten.

Dichter der Beat Generation. Robbie Robertson, Michael McClure, Bob Dylan und Allen Ginsberg (von links).

Dichter der Beat Generation. Robbie Robertson, Michael McClure, Bob Dylan und Allen Ginsberg (von links).

Dylan kam schon sehr früh mit den Poeten der Beat Generation in Kontakt, in den Cafés in Greenwich Village, in denen auch die Folk-Musiker spielten. Er näherte sich ihrer Sensibilität und ihrem Stil an, baute in seine Texte Slang-Ausdrücke ein und griff Themen wie den um sich greifenden Konsumterror in einem spirituell verarmten Nachkriegs-Amerika auf. Das zeigt sich zum Beispiel in seinem Song It’s Alright Ma, der sehr zornige Verse über die geistige Verarmung der Menschen um ihn herum enthält: „Werbeplakate verführen dich dazu / zu denken, du könntest derjenige sein, / der das schafft, was noch nie jemand geschafft hat, / der gewinnt, was noch nie jemand gewonnen hat. / Und derweil geht das Leben um dich herum weiter seinen Gang.“

Schmerzhafte Suche. Die antimaterialistische Einstellung der Beat Generation hatte viele Berührungspunkte mit der antikapitalistischen Haltung der Linken. Aber eigentlich hatte diese Dichtung einen viel weiteren politischen Horizont. Die Leute der Beat Generation waren Suchende, sie strebten nach Transzendenz. Sie wollten einen tieferen religiösen Sinn wiedergewinnen, den die Moderne erstickt hatte. Das brachte sie nicht selten in offenen Konflikt mit der linken Tradition, die streng laizistisch war und die Existenz des Menschen vor allem unter politischen Gesichtspunkten sah. Jack Kerouac, der vielleicht wichtigste Vertreter der Beat Generation, verdeutlicht dies in seinem Roman Desolation Angels, der dann Dylans Desolation Row inspiriert hat: „Ich ging nach Kolumbien. Alles, was die uns beibringen wollten, war Marx. Als ob mich das interessierte. Ich schwänzte die Vorlesungen, blieb in meinem Zimmer und schlief in den Armen Gottes. […] Ich bin […] eher gemacht für das heilige Russland des 19. Jahrhunderts als für dieses moderne Amerika mit seinen Bürstenschnitten und mürrischen Gesichtern in Pontiacs.“

Das Thema der Suche nach Spiritualität, das die Dichter des Beat in ihrer Verzweiflung über ein immer materialistischeres Amerika vorgegeben hatten, kommt ganz deutlich wiederum in Dylans It’s Alright Ma zum Ausdruck. Dieser Song fasst die spirituelle Suche der Beat Generation genial zusammen in dem berühmten Aphorismus: „Wer nicht damit beschäftigt ist, geboren zu werden, ist damit beschäftigt zu sterben.“ Das geistliche Ziel des menschlichen Lebens war nicht unbedingt ein politisches, sondern bestand vor allem darin, immer wieder neu geboren zu werden, wie ein Kind vor der Schönheit des Kosmos zu stehen, offen und voller Begeisterung für die Wirklichkeit. Wie Dylan viel später sagen würde: Der Mensch muss sich bemühen, geistig Forever Young, ewig jung zu bleiben. Das wichtigste Ziel der Kunst war die religiöse Erleuchtung, und nicht die ideologische Mobilisierung.

Dylan hat von der Beat Generation literarische Elemente wie die bildreiche Sprache, den Gebrauch unterschiedlicher Sprachebenen oder Kollagen lyrischer Fragmente des Modernismus übernommen. Aber seine Dichtung wurde auch beeinflusst vom französischen Symbolismus und dessen Versuch, die Beziehung zwischen Wort und Bedeutung zu überschreiten. Dylan kannte das Werk des französischen Symbolisten Arthur Rimbaud durch Suze Rotolo, seine Lebensgefährtin während der Jahre in Greenwich Village, von 1961 bis 1964.

1974. Bob Dylan bei einem Konzert mit Dave Von Ronk, Arlo Guthrie, Dennis Hopper und Melanie.

1974. Bob Dylan bei einem Konzert mit Dave Von Ronk, Arlo Guthrie, Dennis Hopper und Melanie.

Rimbaud war der Ansicht, Kunst müsse transzendente Wahrheiten ausdrücken, die nur indirekt kommuniziert werden könnten. Damit folgte er den Romantikern und ihrer Kritik am aufklärerischen Kult der Vernunft und der Überzeugung, dass eine rationalistische Ideologie die Welt retten könne. Rimbaud dagegen meinte, Ziel des Künstlers müsse ein mystisches Verstehen sein – eine oft schmerzhafte Suche nach Wahrheiten, die über Politik und Ideologie hinausgehen. 1871 schrieb er: „Der Dichter sollte sich selbst zum Seher machen durch eine lange, immense, freiwillige Unordnung aller Sinne. Alle Formen von Liebe, Leid, Verrücktheit; er sollte sich selbst durchforschen, sich erschöpfen … Er braucht einen immensen Glauben, übermenschliche Kräfte … um das Unbekannte zu erreichen.“

Das Kosmische. In Mr. Tambourine Man greift Dylan diesen Aufruf Rimbauds zu einem mystischen Weg durch Liebe und Leid, zu einer Suche nach dem „Undefinierbaren“ auf. Der Weg des Ich-Erzählers wird hier immer surrealer und führt schließlich „durch die

Rauchringe meines Geistes / runter in die nebligen Ruinen der Zeit, / weit hinter die gefrorenen Blätter / der verwunschenen, ängstlichen Bäume, / hinaus auf den windgepeitschten Strand, / weit weg von dem verdrehten Griff sinnlosen Leids.“ Doch wer ist dieser Tambourine Man eigentlich? Warum erfordert sein Weg den Verlust seiner selbst? Hier übersteigen die Symbole den unmittelbaren Sinn der Worte. Sie verweisen auf das, was dahinter liegt.

Der Gebrauch von Begriffen des Beat und des französischen Symbolismus zeigt sich auch in einem Interview, das Dylan 1963 Studs Terkel gegeben hat, dem damals bekanntesten Journalisten der Linken. Terkel sagt: „Nehmen wir Hard Rain’s Gonna Fall, meiner Meinung nach wird das ein Klassiker werden, auch wenn es aus dem entstanden ist, was du über den radioaktiven Niederschlag denkst.“ Darauf Dylan: „Nein! Das ist kein radioaktiver Niederschlag. Das haben andere auch gemeint … Das ist kein radioaktiver Niederschlag. Es ist einfach starker Regen.“ Terkel: „Starker Regen?“ Dylan: „Es ist kein radioaktiver Niederschlag, es ist starker Regen.“ Was vielleicht als scherzhafter Versuch Dylans erscheinen mag, die Bedeutung des Liedes herunterzuspielen, ist in der Tat eher eine Verteidigung seiner reichhaltigen Symbolik. Das Symbol verweist auf eine Ebene der Wirklichkeit, die nicht durch Politik oder durch sprachliche Termini hinreichend erklärt werden kann.

At dawn my lover comes to me
And tells me of her dreams
With no attempts to shovel the glimpse
Into the ditch of what each one means
At times I think there are no words
But these to tell what’s true
And there are no truths outside the Gates of Eden  (Gates of Eden)

Dylans Distanz zu den Linken wurde vielleicht am deutlichsten 1968, als er den bekannten Folksong I Dreamed I Saw Joe Hill umschrieb in I Dreamed I Saw St. Augustine. Die Original-Komposition war ein Standard des Folk und eine Art Hymne der Linken, die Pete Seeger und Joan Baez sangen. Sie erzählt die Geschichte des Gewerkschafters Joseph Hillström, dessen gewaltsamer Tod zu einem Symbol für weltliches Martyrium geworden war. Im Gegensatz dazu ersetzt Bob Dylan in seinem Stück Joe Hill durch den heiligen Augustinus von Hippo. Es beginnt mit den gleichen Worten, aber die Namen sind ausgetauscht: „Ich habe geträumt, ich sähe den heiligen Augustinus / lebendig wie du und ich.“ Dylan stellt sich vor, dass der Heilige uns warnt: „Es gibt jetzt keinen Märtyrer unter euch, den ihr euer eigen nennen könnt.“ Anders gesagt, wir wissen heute nicht mehr, was wahre Märtyrer sind. Wir sind alle „begabte Könige und Königinnen“, aber wir erkennen unseren wahren Wert nicht. Das ist die „traurige Klage“ des heiligen Augustinus über eine Welt, die gefangen ist im Käfig ihrer geistigen Ernüchterung.

Darüberhinaus war in dem Originalsong klar, wer an der Ungerechtigkeit schuld ist, nämlich „die Bosse“. In Dylans Version haben wir hingegen alle unseren Anteil am Tod des heiligen Augustinus – ebenso wie die christliche Theologie der ganzen Menschheit eine Mitschuld am Kreuzestod Christi zuspricht. Die religiöse oder spirituelle Suche bezieht die Politik mit ein, ohne sich jedoch auf sie reduzieren zu lassen.

Viele Hörer verstehen immer noch nicht, dass Dylans Kunst weit über die politische Dimension hinausgeht ins Kosmische, Mystische, Spirituelle und Religiöse. Die Probleme, die das für die Linke wie die Rechte im heutigen Amerika aufwirft, reichen weitaus tiefer, als beide Seiten sich eingestehen. Vielleicht führt der Literaturnobelpreis dazu, dass wir Dylan nun aufmerksamer zuhören und ihn besser verstehen als bisher.

Jason Blakeley ist Juniorprofessor für Politische Theorie an der Pepperdine University in Malibu, Kalifornien. Sein Buch Alasdair MacIntyre, Charles Taylor, and the Demise of Naturalism ist gerade bei University of Notre Dame Press erschienen.

von Jason Blakely*

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