DIE BARMHERZIGKEIT IST NICHT ZU ENDE

Kirche    ,  ·  30.Nov 2016  ·  0 kommentar  ·  von  Alessandra Stoppa
Jesus trägt Judas. Kapitell in der Basilika Sainte-Marie-Madeleine in Vézelay. Auch die übrigen Abbildungen auf diesen Seiten zeigen Details aus dieser Kirche.

Interview mit dem Generalabt der Zisterzienser, Mauro Giuseppe Lepori, OCist

Am 20. November geht das Heilige Jahr der Barmherzigkeit zu Ende. Aber nicht „unser persönliches Bemühen, uns der Barmherzigkeit zu öffnen“. Und ebenso wenig die Notwendigkeit, sie weiterzugeben – unterstreicht MAURO-GIUSEPPE LEPORI, der Generalabt der Zisterzienser.

Ein erwachsenes Schaf kann bis zu hundert Kilo schwer werden. Wie ein Mensch. „Es auf den Schultern zu tragen, ist ein echtes Opfer“, sagt Mauro-Giuseppe Lepori, der Generalabt der Zisterzienser. Damit zerstört er jedes romantisierende Bild vom Guten Hirten. Wir stellen uns vielleicht vor, dass dieser alles stehen und liegen lässt, um das verlorene Schaf zu suchen, und es dann „auf die Schultern nimmt und pfeifend über die Berge hüpft“.

Das Evangelium erzählt aber realistische Geschichten, bei denen der Körper ein Gewicht hat und die Liebe konkret ist. Sie leidet und müht sich um andere. Die Worte haben ein Gewicht, die Gesten einen tieferen Sinn. „In dem Schaf sehe ich auch, dass ich manchem ‚schwerfalle‘. Und ich denke daran, dass ich andere manchmal als schwer, als anstrengend empfinde. Doch Gott liebt uns alle.“ Er vergibt uns, nimmt uns auf seine Schultern und trägt uns heim. So wie auf einem Kapitell in der mittelalterlichen Basilika von Vézelay Jesus Judas auf den Schultern trägt, der ihn verraten hatte. Papst Franziskus hat dazu gesagt: Jesus „nahm die Leute, wie sie waren, nicht wie sie sein sollten“. Am 20. November werden auf der ganzen Welt die Pforten der Barmherzigkeit geschlossen und das Heilige Jahr, das am 8. Dezember 2015 begonnen hatte, endet. Doch die Zeit der Gnade, betont Pater Lepori, ist damit nicht vorbei.  Er sieht das Jahr der Barmherzigkeit als einen „Raum“, wie ihn sich Jesus geschaffen hat, als die Masse ihn zu erdrücken schien. Da stieg er in ein Boot und bat die Jünger, ein Stückchen vom Ufer weg zu rudern, damit er von dort aus zu den Menschen sprechen konnte.

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Pater Mauro Giuseppe Lepori, OCist

Inwiefern hilft uns dieses Verhalten Jesu, die Zeit für die Barmherzigkeit besser zu verstehen?

Wir alle wollen, wie die Leute damals, am liebsten Jesus anfassen und sofort eine Art magischen Effekt erleben. Ein ganzes Jahr dem Zugehen auf ein Thema, auf eine Wirklichkeit zu widmen, ist als würden wir ein paar Schritte zurücktreten: um zuzuhören, uns die Zeit zu nehmen, uns der Barmherzigkeit bewusst zu werden. Um genauer zu schauen, was sie von meiner Freiheit verlangt, sowohl wenn ich sie annehme, als auch wenn ich sie schenke. Es bewegt mich, dass Jesus nicht in das Boot gestiegen ist, um der Masse zu entfliehen, sondern weil die Leute Wunder sehen wollten und ihm nicht zuhörten. Er wollte sich vor allem an die Freiheit der Menschen wenden. Und es war wichtig, dass er zu ihnen sprechen und von ihnen gehört werden konnte. Es ist entscheidend, dass der Mensch, jeder von uns, vor ihm still wird. Auch im Bezug auf die unmittelbaren Erwartungen, die wir haben.

 Was hat das Jahr der Barmherzigkeit für das Leben der Kirche bedeutet?

Die Vertiefung eines Geheimnisses. Eine Vertiefung, die wir brauchen. Nicht weil es ein Heiliges Jahr gab, sondern weil sie lebenswichtig ist. Der Papst hat die Barmherzigkeit wieder ins Zentrum unseres Lebens gestellt. Er hat es getan durch seine Gesten und durch das, wozu er uns aufgefordert hat. Er hat uns „Übungen“ machen lassen, nicht nur damit wir aufmerksam werden, sondern damit wir eine Erfahrung machen. Vor allem, indem er mehr Möglichkeiten geschaffen hat zu beichten, den Ablass zu erwerben, über dieses Geheimnis nachzudenken, es zu erleben. Auch durch die leiblichen und geistlichen Werke der Barmherzigkeit, ganz konkret. Darum ist das Jahr der Barmherzigkeit nicht einfach zu Ende.

 Können Sie das genauer erklären?

Es ist uns bewusster geworden, dass die Barmherzigkeit eine Wirklichkeit ist. Sie ist das Geheimnis im Herzen der Kirche. Und wir brauchen sie ganz dringend. Das Heilige Jahr war kürzer als ein kalendarisches. Das zeigt, dass es nicht in erster Linie darum ging, ein „Heiliges Jahr“ zu leben, sondern ein christliches Leben zu leben. Wir sollten aufwachen und uns wieder bewusst machen, dass das immer möglich ist. Darum ist es wichtig, dass die Erfahrung der Barmherzigkeit nicht zu Ende ist. Ebenso wenig wie unser persönliches Bemühen, uns ihr zu öffnen.

 Was haben Sie durch diese Vertiefung besser verstanden?

Der Papst hat das Heilige Jahr angesichts der Wunden der Welt und der Kirche ausgerufen: der Wunden der Sünde, die aus der Geschichte erwachsen, der Wunden der Kriege, der Naturkatastrophen. Einer der grundlegendsten Aspekte ist meines Erachtens, dass er uns aufgefordert hat, uns bewusst zu werden: Der Mensch hat das Bedürfnis, sich angenommen zu fühlen. Das ist viel wichtiger als die Analyse oder Definition, was er alles falsch macht. Ich finde es schön, wie der heilige Benedikt im Prolog seiner Regel Gott auftreten lässt, der inmitten der Volksmenge ruft: „Wer ist der Mensch, der das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht?“ Diese Einladung des Herrn ist die Barmherzigkeit. Sie ist ein Angebot an den Menschen, so wie er ist, und so wie er in diesem Moment der Geschichte ist. Jeder, der antwortet: „ich“, kann diese Erfahrung machen.

lepori_3vezelay Und nachdem der Mensch „ich“ gesagt hat, wie geht es dann weiter?

Der heilige Benedikt schreibt: „Dann sagt Gott zu dir: ‚Willst du das wahre und ewige Leben haben, so bewahre deine Zunge vor dem Bösen und deine Lippen vor falscher Rede. Meide das Böse und tu das Gute, suche den Frieden und jage ihm nach!“

 Ist die Antwort auf die Frage nach dem Glück ein Weg, den es zurückzulegen gilt?

Die Antwort ist ein Weg der Bekehrung. Ein Weg, der uns lehrt, nicht der Neigung nachzugeben, die wir in uns tragen, nämlich unbarmherzig zu sein. Manche meinen, die Kirche antworte nicht auf die Bedürfnisse der Menschen, weil sie einen Weg vorschlägt. Sie verspricht keine Wunder. Wenn sie es doch tut, hält das meist nicht lange. Das sind dann oft Erfahrungen oder Vorschläge, die den Leuten nicht helfen zu wachsen, frei und erwachsen zu werden. Wenn man eine Lösung anbietet, die nicht ein Weg der Bekehrung, der Freiheit ist, dann bleibt der Mensch zerbrechlich. Die Kirche schlägt einen Weg vor, damit wir wahre Freude erlangen können – nicht unmittelbare Befriedigung, wie sie die heutige Gesellschaft anbietet. „Ich“ zu sagen zu Gott, der uns glücklich machen will, bedeutet, dass wir uns unserer wahren Bedürfnisse bewusst sind. Wir sind heute verwirrt im Bezug auf unsere Identität. Wir setzen sie mit tausenden von Wünschen gleich. Dabei ist sie die Sehnsucht nach Ewigkeit, nach einem Glück, das nur Gott geben kann. Um also wirklich „ich“ sagen zu können, muss man still werden. Man muss auf die schnellen Befriedigungen verzichten, die das Glück ersetzen wollen.

 Der Papst hat mehrfach gesagt, dieses Heilige Jahr sei eine gute Zeit um zu lernen, „das zu wählen, ‚was Gott am meisten gefällt‘, also seine Barmherzigkeit, seine Liebe, seine Zärtlichkeit“. Was bedeutet es, das zu „wählen“, sich dafür zu „entscheiden“?

Der verlorene Sohn ist – wie wir alle – nicht fähig, sich für den Vater zu entscheiden. Er reagiert auf die Entscheidung des Vaters für ihn. Und diese Entscheidung geht nur durch die Barmherzigkeit. Der Sohn kehrt zurück und bittet den Vater lediglich um eine Arbeit und etwas zu essen. Aber durch die Vergebung des Vaters entdeckt er die Fülle des Lebens. Wenn er sich für den Vater entscheidet, hat er alles. Auch der ältere Sohn hat sich, obwohl er zu Hause geblieben war, für etwas anderes entschieden. Bis dahin hat er sich nicht für den Vater entschieden und sich auch nicht von ihm lieben lassen. Seine Zuneigung gilt etwas ganz anderem: den Freunden, dem Ziegenbock, der Hälfte des Erbes. Die Fülle liegt dagegen in der Beziehung zum Vater. Aber das ist eine Gnade, die keiner von beiden angenommen hat. Sie ist ein Geschenk. „Wählen“ und „sich entscheiden“ bedeutet, dass wir unsere Zuneigung, und auch unser Bedürfnis nach Leben, auf den Vater richten. Das haben wir hoffentlich im Jahr der Barmherzigkeit gelernt: Man muss immer von der Liebe Gottes zu uns ausgehen, von dem, was wir für ihn bedeuten.

 Was hat Sie in diesem Jahr besonders begleitet?

Mich hat bewegt, dass während wir uns in das Geheimnis der Barmherzigkeit vertieften, immer noch die Bilder von Flüchtlingen in Schlauchbooten auf dem Mittelmeer vor uns vorbeizogen. Diese armen Menschen, die den Wellen ausgeliefert sind, spiegeln unsere Situation wider. Sie spiegeln das, was wir sind, den Zustand, in dem wir sind. Denn wir selber werden hin und her gespült von der Wirklichkeit ohne einen Anker, der uns hält, ohne festen Grund. Die Flüchtlinge offenbaren uns, dass wir keinen festen Grund unter den Füßen haben. Deshalb können wir ihnen auch keine wirkliche Bleibe bieten. Ich glaube nicht, dass Europa sie nicht aufnehmen kann oder will. Aber es ist irgendwie nicht in der Lage dazu. Diese Leute kommen über das Meer, aber sie landen nicht auf festem Boden. Wir schieben sie ständig hin und her auf dem Kontinent. Wir können ihnen keine Bleibe bieten, weil wir selbst keine haben.

Das Problem ist der Übergang von der Barmherzigkeit, die wir empfangen haben, zu der Barmherzigkeit, die andere von uns erwarten. Die Barmherzigkeit, die wir empfangen haben, breitet sich aus, wenn wir mit Barmherzigkeit reagieren, wo es von uns verlangt ist. Doch eine Minute, nachdem uns alles ohne Wenn und Aber vergeben wurde, fangen wir schon wieder an aufzurechnen.

Und was hat das Heilige Jahr da verändert?

Der Papst hat uns gezeigt, dass man, wenn man andere aufnimmt, zu dem wird, wofür man sich entschieden hat. Was uns festen Boden unter den Füßen geben könnte, wäre das Wagnis, andere aufzunehmen. Wenn wir sie aufnehmen, werden wir zur Bleibe. Wir beziehen unsere Gewissheit aus Sicherheiten, die wir in der Hand haben, statt sie auf eine Beziehung zu gründen, auf die Zugehörigkeit zu jemandem. Auch wir fühlen uns in vielerlei Hinsicht bedroht durch andere. Denn sie bringen unseren aus falschen Sicherheiten gebauten Rückzugsraum ins Wanken. Dabei liegt unser wahrer Bestand in der Beziehung zum Vater. Das ist Barmherzigkeit: wenn ich spüre, dass ich in dieser Zugehörigkeit einen festen Grund habe, der mir nie mehr genommen wird, den mir keiner wegreißen kann und auf dem ich daher auch alle annehmen und alles vergeben kann.

Wo erleben Sie diesen festen Grund, der Ihnen nicht genommen werden kann?

In der Zugehörigkeit zur Kirche, in der ich die Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes mache. Die Kirche hilft mir, an diese zu glauben, um sie zu bitten. Und sie schenkt sie mir, vor allem in den Sakramenten und in der brüderlichen Gemeinschaft. Die Kirche ermöglicht es mir, die Barmherzigkeit als eine Wirklichkeit zu erfahren, die es tatsächlich gibt. Und zu dieser Wirklichkeit kann ich immer zurückkehren. Oder besser gesagt: Die Barmherzigkeit ist eine Erfahrung, die man gerade durch dieses Zurückkommen macht, wenn man vom Weg abgekommen ist. Das öffnet einen auch für diejenigen, die anders sind, die stören oder einen verletzen.

Viele Leute haben nicht einmal vom Jahr der Barmherzigkeit gehört. Wie kann diese Erfahrung alle erreichen?

Das ist genau die Mission, die der Papst will, von der er hofft, dass sie aus dem Heiligen Jahr hervorgeht: dass die Menschen die Barmherzigkeit kennenlernen. So wie es ein Heiliges Jahr brauchte, so braucht es Orte und Gemeinschaften, die diese liebende und annehmende Umarmung Fleisch werden lassen. Deswegen gibt es die Kirche, wegen dieser Sendung, die darin besteht, dass man eine Erfahrung weitergibt. Daher ist es wichtig, dass die Barmherzigkeit zu einer Erfahrung wird, dass wir sie durch dieses Jahr der Barmherzigkeit erfahren konnten.

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Weil das die einzige Art ist, sie weiterzugeben?

Wir sind oft kompliziert und meinen, diese Erfahrung weiterzugeben sei schwieriger als die Vergebung anzunehmen. Wir müssen wieder diese Einfachheit lernen, die Liebe weiterzugeben, die uns geschenkt worden ist. Wir versuchen immer wieder, unsere Sicherheiten zu verteidigen. So als suchte der verlorene Sohn seine Sicherheit in den Dingen, die ihm jetzt wieder gehören, und vergäße dabei, dass sein ganzer Bestand in der Umarmung liegt, die ihm durch den Vater zuteil wurde.

Sie haben einmal über die Barmherzigkeit gesprochen und dabei auf eine Episode aus dem Leben des heiligen Benedikt verwiesen: Als die Mönche von Vicovaro versuchten, ihn zu vergiften, stand er „mit freundlichem Gesicht und ruhigem Geist“ auf und sagte: „Gott hab Erbarmen mit euch, Brüder.“

Benedikt konnte so reagieren, weil ihn die Erfahrung der Barmherzigkeit bis ins Innerste durchdrungen hatte. Sie war gewissermaßen zu seinem Herzen geworden. Daher war sein Antlitz friedlich und sein Geist ruhig. Er hatte sich immer wieder daran erinnert, dass Gott alles vergibt. Daher konnte er auch bei dieser Gelegenheit die Erfahrung weitergeben. Und aus einer todbringenden Situation konnte ein Angebot zum Leben werden.

Eine der größten Herausforderungen ist das Verhältnis von Wahrheit und Barmherzigkeit. Was hat uns das Heilige Jahr diesbezüglich gelehrt? Und wie schaffen wir es, dass die Barmherzigkeit die Oberhand behält?

Wir haben uns zu sehr an den Gedanken gewöhnt, dass Disziplin die Vorbedingung für einen Weg sei. Disziplin ist aber das Ergebnis des Weges. Wenn ich in meinem Leben bestimmte Werte und moralische Forderungen verstanden und angenommen habe, dann weil ich geliebt wurde, noch bevor mir das Gesetz gegeben wurde. Das Gesetz hat mich noch nie gerettet. Aber die Barmherzigkeit hat mir gezeigt, dass auch das Gesetz gut für mich ist. Man fühlt sich zum Beispiel zum geweihten Leben erwählt und berufen und sagt ja. Dann aber merkt man, dass Armut, Keuschheit und Gehorsam wirklich zu leben nicht eine Vorbedingung, sondern die Frucht ist. Um einen Weg zu gehen, muss man von etwas angezogen sein. Das moralische Urteil ist für sich allein genommen eine Verurteilung. Aber ein Urteil, das durch Liebe vermittelt wird, entfaltet Anziehungskraft. Denn dadurch begreifen wir, dass Gott uns liebt, auch indem er uns Regeln schenkt, die uns helfen voranzuschreiten und zu leben. Liebe entsteht, wenn man einen Anderen sieht, der einen Wert wirklich lebt. Liebe ist vor allem das Angebot einer Begleitung. Der Gute Hirte führt die Schafe, indem er bei ihnen bleibt und mit ihnen geht. Dadurch weist er ihnen den richtigen Weg. Wir aber wollen den Weg oft nur auf der Landkarte zeigen, statt ihn mit den anderen zu gehen. Wir sind nicht bereit, sie anzunehmen und uns die Hände schmutzig zu machen für sie.

Bietet die heutige Kirche den Menschen einen gemeinsamen Weg an?

Ich glaube, dass die momentane Lage der Kirche einiges geraderückt. Heutzutage hört keiner mehr auf ein Urteil oder auf ein bloßes Prinzip und richtet sich danach. Heute heißt es: Wenn du mich nicht liebst, sagt mir dein Gesetz überhaupt nichts. Es gibt keinen Vertrauensvorschuss mehr, aufgrund dessen man einen Vorschlag überprüft. Früher vertraute man der Kirche noch, egal, ob das nun gut oder schlecht war. Heute müssen wir dieses Vertrauen wieder aufbauen, indem wir ein Urteil abgeben, das der Sehnsucht der Menschen nach Glück eher entspricht. Aber dieses Vertrauen kann nur entstehen, wenn wir die Menschen begleiten. Sonst kann das Urteil nicht auf fruchtbaren Boden fallen. Mich erstaunt, wie viel Vertrauen Papst Franziskus entgegengebracht wird. Die Leute, die ich treffe, bringen ihm großes Vertrauen entgegen, auch solche, bei denen man es am wenigsten vermuten würde, auch Menschen, die nicht glauben oder aus anderen Kulturen kommen. Ich finde das erstaunlich. Dieses Vertrauen, das er hervorruft, sehe ich als eine große Verantwortung, auch für mich persönlich. Gott schenkt uns eine Zeit der Gnade. Und wir müssen dem Papst helfen, die Menschen zu lieben, mithilfe des Vertrauens, das der Heilige Geist um ihn herum weckt.

Was bedeutet es, dem Papst zu folgen und ihm zu helfen? Vielleicht beeindruckt einen vieles an ihm, aber man bleibt leicht bei dem stehen, was einem „entspricht“ oder was man meint, verstanden zu haben.

Wir wissen nicht mehr, was es bedeutet, Christus zu folgen. Die Kirche muss uns das lehren. Wir folgen dem Papst, eben weil durch ihn Christus selbst uns zeigt, wie er sich die Nachfolge wünscht. So ruft er uns zur Umkehr auf. Jeder Pontifex führt die Herde in der Zeit, in dem Abschnitt der Geschichte, den Gott ihn durchschreiten lässt. Aber jeder verweist uns auf Christus. Das ist die Quelle der Gewissheit, die jeden Vergleich in diesem Zusammenhang überflüssig macht. Bei allen Päpsten, die ich bisher erlebt habe, war die Liebe zu Christus offensichtlich. Jeder hat seinen Dienst versehen, indem er Christus geliebt hat und ihm ganz eng gefolgt ist. Daran haben sie sich orientiert. Der Herr beruft den Papst, ihm zu folgen, damit auch wir ihm folgen können. Warum ließ Johannes, der Lieblingsjünger, Petrus am Grab den Vortritt? Weil er ahnte, dass er Petrus folgen musste, um sehen und glauben zu können. Er musste Christus folgen, indem er Petrus nachfolgte, der seinerseits Christus folgte.

Was ist jetzt nach dem Heiligen Jahr das Wichtigste?

Der Schuldner, dem seine ganze Schuld erlassen wurde, erließ dem Bruder, der ihm gleich darauf begegnete, nicht einmal das bisschen, was dieser ihm schuldig war. Er hatte schon vergessen, was ihm widerfahren war. Das Problem ist der Übergang von der Barmherzigkeit, die wir empfangen haben, zu der Barmherzigkeit, die andere von uns erwarten. Die Barmherzigkeit, die wir empfangen haben, breitet sich aus, wenn wir mit Barmherzigkeit reagieren, wo es von uns verlangt ist. Im Übrigen ist die eine viel, viel größer als die andere … Doch eine Minute, nachdem uns alles ohne Wenn und Aber vergeben wurde, fangen wir schon wieder an aufzurechnen. Ich denke vor allem an den Umgang mit unserer Familie, unseren Freunden, unserer Gemeinschaft, unseren Nächsten. Sofort, bei der ersten Gelegenheit, reagieren wir wieder wie Folterknechte. Wir haben alles gleich vergessen. Für die Zeit nach dem Heiligen Jahr ist es daher vor allem wichtig, dass wir nicht wieder vergessen. Wir müssen uns das bewusst halten. Und dafür müssen wir immer wieder um Barmherzigkeit bitten.

von  Alessandra Stoppa

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