EINE EIGENARTIGE PRÄSENZ

Editorial    ,  ·  1.Dez 2014  ·  0 kommentar  ·  von Luigi Giussani

Warum also sind wir hier? Aus zwei Gründen, wobei der zweite eine Konsequenz des ersten ist. Man könnte sagen, dass es eine zufällige oder nicht notwendige Konsequenz des ersten ist. Der erste ist: Wir sind hier, um zu berichten … Wir waren unterwegs und hörten jemanden reden, einen Ideologen. Aber es war mehr als Ideologie, er war ein ernsthafter Mensch. Man nannte ihn Johannes den Täufer. Wir standen also dort und hörten ihm zu. Einer, der auch dort war und zuhörte, wandte sich zum Gehen. Und wir sahen, wie Johannes der Täufer innehielt und ihm nachschaute. Dann rief er aus: „Seht, das Lamm Gottes!“ Ein Prophet sagt manchmal merkwürdiges Zeug. Aber wir beiden, die wir zum ersten Mal da waren und vom Land kamen, von weit her, wir verließen die Gruppe und hefteten uns jenem Mann an die Fersen. Einfach so, aus Neugier, oder aus einem eigenartigen Interesse heraus. Wer weiß, woher das kam. Der Mann wandte sich irgendwann um und fragte: „Was wollt ihr?“ Wir antworteten: „Meister, wo wohnst du?“ Darauf sagte er: „Kommt und seht!“ Wir gingen also mit und blieben den ganzen Tag bei ihm. Wir schauten einfach zu, wie er sprach; denn wir verstanden nicht die Worte, die er sagte. Aber die Art, wie er sprach, und sein besonderer Gesichtsausdruck waren so faszinierend, dass wir die ganze Zeit dort blieben.

Als es Abend geworden war, gingen wir nach Hause. Und als wir dort ankamen, hatten auch wir einen anderen Gesichtsausdruck. Wir sahen unsere Frauen und Kinder mit anderen Augen. Es stand etwas zwischen uns und ihnen, dieses Gesicht, das uns nicht mehr aus dem Sinn ging. In dieser Nacht schliefen wir beide unruhig, und am nächsten Tag kehrten wir zu dem Mann zurück. Er hatte etwas gesagt, das wir auch unseren Freunden weitersagten: „Kommt und seht, wir haben jemanden getroffen, der der Messias ist, der kommen soll. Er ist der Messias. Er selbst sagt von sich: Ich bin der Messias.“ Unsere Freunde kamen mit, und auch sie waren ganz fasziniert von diesem Mann. Als wir Abends am Feuer zusammensaßen, um die paar Fische zu essen, die wir in der Nacht zuvor gefangen hatten, sagten wir uns: „Wenn wir so einem Menschen nicht glauben, wenn ich einem solchen Menschen nicht glaube, dann kann ich meinen eigenen Augen nicht mehr trauen.“

Wir sind auf Erden, um allen zu verkünden: „Es gibt unter uns eine eigenartige Präsenz. Unter uns, hier und jetzt, ist etwas Merkwürdiges gegenwärtig: Das Geheimnis, das die Sterne geschaffen hat, das Meer und alles andere […], ist ein Mensch geworden, geboren aus dem Schoß einer Frau.“ Wir sind in der Welt, weil uns (und nicht anderen) offenbart wurde, dass Gott Mensch geworden ist. Es gibt unter uns einen Menschen, der vor 2.000 Jahren zu uns gekommen und bei uns geblieben ist („Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“). Es gibt einen Menschen, der Gott ist. Das Glück der Menschheit, die Freude der Menschheit, die Erfüllung aller Sehnsüchte der Menschheit ist Er; Er erfüllt sie allen, die Ihm folgen.

Die beiläufige Konsequenz daraus, dass man auf ihn schaut, dass man zuschaut, wie Er spricht, dass man Ihm zuhört, dass man Ihm nachgeht, dass man allen sagt: „Er ist hier, hier unter uns, der menschgewordene Gott“, die beinahe zufällige Konsequenz für denjenigen, der das sagt, ist, dass er besser lebt – besser. Nicht dass all seine Probleme gelöst wären, aber er geht auch seine menschlichen Probleme besser an. Er liebt seine Frau mehr, er liebt seine Kinder mehr, er liebt sich selbst mehr, er liebt seine Freunde mehr, mehr als andere es tun. Er schaut auf Fremde mit einer Dankbarkeit und Zärtlichkeit, als wären sie seine Freunde. Er hilft anderen, so gut er kann, als ginge es um seine eigenen Nöte. Er betrachtet die Zeit mit Hoffnung und schreitet daher kraftvoll voran.

 (aus: In cammino, 1992-1998, BUR, S. 221-223)

von Luigi Giussani

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