JAHR DER BARMHERZIGKEIT / ZEUGNIS

Briefe    ,  ·  25.Jan 2016  ·  0 kommentar  ·  von Stefano, Rom

„Sie sind normal und doch irgendwie anders“

Vergangenen Mai kam ein homosexuelles Paar mit seinem Hundebaby in die Tierarztpraxis, die ich mit meiner Frau führe. Für Welpen sind drei Impfungen im Abstand von drei Wochen vorgesehen. Daher haben wir uns in dieser Zeit öfter gesehen und ein bisschen näher kennengelernt. Fabio, der jüngere von beiden, war sehr fröhlich und witzig und hatte eine engere Beziehung zu dem Hund, Emily. Schon wenn er in die Praxis kam, verbreitete er Fröhlichkeit, und es war sehr angenehm, sich mit ihm zu unterhalten. Die Behandlung von Emily dauerte immer nur fünf Minuten. Den Rest der Zeit sprachen wir über uns.

Vor der Sommerpause erzählte Fabio mir, dass er mit Mode zu tun habe, eine Arbeit, die ihm gefalle, und einen liebevollen Gefährten. Aber trotzdem sei er nicht glücklich. „Ich habe den Eindruck, als fehle mir etwas, als lebte ich nur reaktiv und müsste mich gegen irgendetwas verteidigen. Das macht mich unruhig. Ich wäre froh, wenn ich meine Arbeit und meine Beziehungen so leben könnte wie Sie und Ihre Frau. Sie sind normal und doch irgendwie anders. Wenn ich vor einer Stunde jemanden umgebracht hätte, würden Sie mich trotzdem nicht danach beurteilen, sondern nach meiner Sehnsucht nach Glück. Es ist schön, sich mit Ihnen zu unterhalten. Sie beurteilen mich nicht nach den Entscheidungen, die ich getroffen habe, sondern nach dem, was ich gesucht habe und suche.“

Dann erzählte er, seine Mutter habe eines Sonntags überraschend den Pfarrer zum Mittagessen eingeladen und der habe ihm eine Gardinenpredigt gehalten. „Als ich mit ihm sprach, hatte ich das Gefühl, ich müsse mich zuerst von etwas Schmutzigem, das ich an mir habe, freimachen, bevor ich von mir erzählen konnte.“ Dann fragte Fabio mich: „Wie kommt es, dass ihr so lebt?“ Ich antwortete, dass ich eine Gruppe von Freunden gefunden habe, die mir diese neue und schöne Art zu leben gezeigt habe. Das Ganze sei aus dem Charisma eines Mannes entstanden, der mein Herz angesprochen habe, Don Giussani. Daraufhin meinte er spontan: „Der war also nicht wie der Priester beim Sonntagsessen?“ Ich habe ihm dann noch die Tracce geschenkt und ihn für September, nach der Sommerpause, zum Seminar der Gemeinschaft eingeladen. Danach habe ich ihn nicht mehr gesehen oder von ihm gehört. Vor ein paar Tagen kam seine Mutter in die Praxis. Bei einem der Termine im Frühsommer hatte ich sie auch kennengelernt. Jetzt kam sie mit Emily auf dem Arm herein und berichtete weinend, Fabio sei tot. Sein schlimmer Husten sei keine Bronchitis gewesen, sondern ein Tumor, der ihn habe sehr leiden lassen und ihn ihr schließlich genommen habe. „Sie müssen mir helfen, mich um Emily zu kümmern. Das lag Fabio sehr am Herzen. Und ich hätte auch gerne die Zeitschrift, die Sie Fabio mitgegeben haben, als er das letzte Mal hier war. Die hat er in seinen letzten Tagen immer wieder gelesen und wollte sie sogar mit ins Grab nehmen. Ich würde gerne wissen, an was er sich da festgehalten hat, um nicht noch mehr leiden zu müssen. Als es passiert ist, habe ich es nicht geschafft, Sie zu benachrichtigen. Aber weil Fabio so viel von Ihnen gesprochen hat als ganz besonderen Menschen, möchte ich Sie jetzt gerne zum Sechswochenamt einladen.“ Ich sagte ihr, ich würde kommen und sie könne sich glücklich schätzen, solch einen Sohn gehabt zu haben.

von Stefano, Rom

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