MEETING IN RIMINI 2015 – Botschaft des Heiligen Vaters

CL, Kirche     ·  7.Okt 2015  ·  0 kommentar  ·  von Kardinal Pietro Parolin, Staatssekretär

„Wir sind nicht ‚falsch‘ geboren. Unsere Natur ist für große Dinge geschaffen“

 Botschaft des Heiligen Vaters zum 36. Meeting für die Freundschaft unter den Völkern

Der faszinierende und poetische Satz, der als Thema für dieses Jahr gewählt wurde […], legt den Akzent auf das „Herz“, das jeder von uns hat und das der heilige Augustinus als „unruhiges Herz“ beschrieben hat, das sich nie zufriedengibt und immer auf der Suche ist nach etwas, das seiner Erwartung entspricht. Diese Suche kommt zum Ausdruck in Fragen über den Sinn des Lebens und des Todes, die Liebe, die Arbeit, die Gerechtigkeit und das Glück.

Aber um würdig zu sein, eine Antwort zu finden, muss man seine Menschlichkeit ernstnehmen und diese heilige Unruhe kultivieren. „Bei dieser Suche – so sagt Papst Franziskus – „ist es möglich, einfach auf irgendeine häufige menschliche Erfahrung zurückzugreifen wie die Freude über ein Wiedersehen, die Enttäuschungen, die Angst vor der Einsamkeit, das Mitleid mit dem Schmerz anderer, die Unsicherheit angesichts der Zukunft, die Sorge um einen lieben Menschen usw.“ (Evangelii Gaudium, 155).

Hier taucht eine der großen Fragen der heutigen Welt auf: Wie kann man angesichts so vieler partieller Antworten, die nur „falsche Unendlichkeiten“ (Benedikt XVI.) anbieten und eine merkwürdige Betäubung bewirken, den Fragen, die alle in sich tragen, eine Stimme verleihen? Wie kann man angesichts der Abstumpfung des Lebens das Bewusstsein wieder wecken? Für die Kirche öffnet sich ein faszinierender Weg, wie in den Anfängen des Christentums, als die Menschen sich im Leben abmühten ohne den Mut, die Kraft oder die Ernsthaftigkeit, die entscheidenden Fragen zu stellen. Und wie es der heilige Paulus auf dem Areopag erlebte, ist es etwas Merkwürdiges, das weit vom tatsächlichen Leben entfernt zu sein scheint, von Gott zu sprechen zu denen, die ihre Fragen nach dem Warum reduziert, zensiert oder vergessen haben. […]

Deswegen kann niemand von uns einen Dialog über Gott beginnen, wenn es uns nicht gelingt, das Feuer in unseren Herzen am Brennen zu halten, ohne dabei irgendjemanden anzuklagen aufgrund seiner Grenzen – die auch unsere Grenzen sind – und ohne Ansprüche zu stellen. Wir sollten vielmehr jeden annehmen und ihm zuhören. Aufgabe der Christen ist es – wie Papst Franziskus gerne sagt – „Prozesse in Gang zu setzen anstatt Räume zu besetzen“ (ebd. 223). Und der erste Schritt dabei ist, dass wir den Sinn wiedererlangen für das, was dem Herzen fehlt, der so oft unter dem Gewicht der Mühen und der enttäuschten Hoffnungen begraben ist. Denn das „Herz“ existiert und es ist immer auf der Suche. Die Dramatik unserer Zeit besteht in der drohenden Gefahr, dass die Identität und die Würde der menschlichen Person geleugnet werden. Eine beunruhigende ideologische Kolonialisierung reduziert die Wahrnehmung der authentischen Bedürfnisse des Herzens und bietet begrenzte Antworten, die nicht der Dimension der Suche nach Liebe, Wahrheit, Schönheit und Gerechtigkeit entsprechen, die in jedem von uns angelegt ist. […]

VATICAN CITY, VATICAN - FEBRUARY 14: Pope Francis attends a meeting with engaged couples from all over the world gathered today, on the feast of St. Valentine, in St. Peter's Square on February 14, 2014 in Vatican City, Vatican. During the event, organised by the Pontifical Council for the Family, Pope Francis emphasised that living together is 'an art, a patient, beautiful and fascinating journey' which can be summarized in three words: please, thank you and sorry. (Photo by Franco Origlia/Getty Images)

Papst Franziskus / Getty Images

Doch das Herz gibt sich nicht zufrieden. Denn es ist, wie Papst Benedikt XVI. den jungen Menschen in San Marino sagte, „ein Fenster, das zum Unendlichen offen ist“ (11. Juni 2011). Warum müssen wir leiden und schließlich sterben? Warum gibt es das Böse und die Widersprüche? Lohnt es sich zu leben? Kann man noch hoffen angesichts eines „dritten Weltkriegs, der in Abschnitten gefochten wird“, und so vieler Brüder und Schwestern, die verfolgt und getötet werden aufgrund ihres Glaubens? Hat es noch Sinn zu lieben, zu arbeiten, Mühen auf sich zu nehmen und sich zu engagieren? Was wird aus meinem Leben und dem der Menschen, die wir nie verlieren möchten? Wozu sind wir auf dieser Welt? … Das sind Fragen, die alle sich stellen, Junge und Alte, Glaubende und Nicht-Glaubende. Früher oder später, mindestens einmal im Leben angesichts einer Herausforderung oder eines freudigen Ereignisses, wenn er über die Zukunft seiner Kinder nachdenkt oder den Nutzen seiner Arbeit, wird jeder sich mit einer oder mehreren dieser Fragen konfrontiert sehen. Auch der hartnäckigste Leugner schafft es nicht, sie ganz aus seinem Leben zu verdrängen.

Das Leben ist keine absurde Sehnsucht, der Mangel ist kein Zeichen dafür, dass wir „falsch“ geboren sind. Er ist im Gegenteil die Glocke, die uns darauf hinweist, dass unsere Natur für große Dinge geschaffen ist. Wie der Diener Gottes Monsignore Giussani geschrieben hat: „Die menschlichen Bedürfnisse sind ein Verweis, die implizite Bejahung ei­ner letzten Antwort, die jenseits der erfahrbaren Daseinsweisen steht. Ließe man diese Hypothese eines ‚Jenseits‘ fallen, so würden diese Be­dürfnisse auf widernatürliche Weise erstickt.“ (Der religiöse Sinn)

Deswegen hat sich Gott, das unendliche Geheimnis, über unser Nichts gebeugt, das nach ihm dürstet, und hat die Antwort geboten, auf die alle warten, auch wenn sie sich dessen nicht bewusst sind. Sie suchen die Antwort dagegen im Erfolg, im Geld, in der Macht, in Drogen jeder Art, im Durchsetzen ihrer momentanen Bedürfnisse. Nur die Initiative des Schöpfergottes konnte das Maß des Herzens füllen. Er ist uns entgegengekommen, um sich von uns finden zu lassen, wie man einen Freund findet. Und so können wir auch in stürmischen Gewässern ruhig sein, da wir uns seiner Gegenwart gewiss sind. […]

Mit dem diesjährigen Thema kann das Meeting einen Beitrag leisten zu einem wesentlichen Auftrag der Kirche, nämlich nicht zuzulassen, „dass sich jemand mit Wenigem begnügt. Er sollte vielmehr im Vollsinn sagen können: ‚Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir‘ (Gal 2,20).“ (Evangelii Gaudium, 160) […] Jesus „ist gekommen, um uns die Liebe zu zeigen und sichtbar zu machen, die Gott zu uns hat. […] Eine tätige, echte Liebe. […] Eine Liebe, die heilt, vergibt, aufrichtet und pflegt. Eine Liebe, die Nähe schenkt und Würde zurückgibt. Eine Würde, die wir in vielerlei Art und Weise verlieren können. Doch Jesus ist darin hartnäckig: Er gab sein Leben dafür, um uns unsere verlorene Identität zurückzugeben“ (Papst Franziskus, Ansprache in der Strafanstalt von Santa Cruz de la Sierra, Bolivien, 10. Juli 2015). Das ist der Beitrag, den der christliche Glaube allen anbietet und von dem das Meeting Zeugnis ablegen kann, vor allem durch das Leben der Menschen, die es Realität werden lassen.

von Kardinal Pietro Parolin, Staatssekretär

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