MEETING IN RIMINI 2015 – Pater Ibrahim, Aleppo

CL    , ,  ·  7.Okt 2015  ·  0 kommentar  ·  von Davide Perillo
Mehr als 120 Kinder au Aleppo nehmen nehmen an den Tätigkeiten der Pfarrei teil.

DER WOHLGERUCH CHRISTI INMITTEN DER BOMBEN

Auszüge aus dem Vortrag von Pater Ibrahim Alsabagh, OFM, dem Pfarrer der römisch-katholischen Gemeinde von Aleppo, beim Meeting für die Freundschaft unter den Völkern in Rimini [hier der Vortrag in englischer Sprache]

Um die Lage der hiesigen Christen und eigentlich des gesamten syrischen Volkes zu beschreiben, genügt ein Wort: Wir befinden uns im Chaos. Es gibt keinerlei Ordnung mehr. Aleppo ist in Dutzende Teile zerschnitten, die von unterschiedlichen Gruppen von Dschihadisten kontrolliert werden. Wir leben in dem Teil der Stadt, der der Regierung untersteht. Es fehlt uns an allem, vor allem an Sicherheit. Ständig gibt es Bombardements durch die Milizen, die weder Privathäuser, Moscheen, Kirchen, noch Kinder und alte Menschen verschonen. Einige Teile der Stadt sind vollständig zerstört, wie der uns benachbarte Stadtteil, in dem die altorientalischen Christen lebten. Dort sind nur noch Trümmer. Das Bombardement hält an und nähert sich unserem Kloster, unserer wunderschönen Kirche Sankt Franziskus. Wir leben buchstäblich in der Schusslinie und wissen nicht, wann es uns treffen wird. Immer wieder werden wir beschossen. Das Blutvergießen hält an und sät weiteren Tod: Viele werden verstümmelt, viele wandern aus, es gibt viel Angst und Bitterkeit in den Herzen.

Die Lebensmittelpreise sind in astronomische Höhen gestiegen und die Leute kommen nicht mehr mit ihrem Geld aus. Die Reicheren sind inzwischen fortgegangen, die Ärmeren sind geblieben. Zudem fehlen uns Medikamente und die Gesundheitsversorgung, weil viele Ärzte das Land verlassen haben. Es fehlt an Wasser, und das ist ein lebensbedrohlicher, akuter Mangel, der sich immer mehr verschärft. Die Gruppen der Dschihadisten kontrollieren die Pumpen und leiten das Wasser in den Fluss, um die Menschen daran zu hindern, es zu trinken. In den Häusern gibt es weder Wasser noch Strom. Wir leiden unglaublichen Durst. Auch deswegen hat es schon Todesfälle gegeben.

Wie kann man einen Christen überzeugen, dass er bleibt? Warum sollte er bleiben? Es ist doch besser, zu gehen. Es hat uns überrascht, dass so viele unserer jungen Christen mit hohen Bildungsabschlüssen dazu bereit waren, sich ins Meer zu stürzen, um in irgendein sicheres Land zu gelangen. Immer mehr verlassen Syrien oder werden noch gehen. Für uns Christen aus dem Nahen Osten, besonders in Aleppo, ist es, als lebten wir in der Apokalypse, die ich fast jeden Tag meditiere: Die apokalyptischen Reiter des Todes, des Durstes, der Krankheiten kommen, man weiss nicht wann, unvorhersehbar und plötzlich. Es herrscht dauernd vollkommene Instabilität.

Wie können wir dort leben? Wir Ordensbrüder, in nur 50 bis 60 Metern Entfernung von den Dschihad-Milizen, was sollen wir tun? Die armen Menschen schauen auf uns voller Hoffnung, sie erwarten viele Dinge von uns. Wir reagieren nicht nur „passiv“ – auch im positiven Sinne: Man muss Geduld haben, jeden Tag sein Kreuz auf sich nehmen –, sondern auch direkt. Unsere Antwort, die die Antwort des Glaubens, der Auferstehung ist, hat eine positive Tatkraft. Das verlangt auch, dass man immer aufmerksam ist auf den Geist, der weht, auf die Bedürfnisse der Menschen, seien sie Christen oder Muslime. Wenn eine Frau bei uns anklopft und um Wasser bittet, kommt es nicht darauf an, ob sie verschleiert ist oder nicht; entscheidend ist, dass sie Durst hat. Das gleiche gilt für hungrige Kinder, für Leute, die vor den Bomben fliehen und bei uns Zuflucht suchen.

Pater Ibrahim

Pater Ibrahim

Meine Mitbrüder und ich leiden sehr, nicht nur, weil wir persönlich leiden, was wertvoll und wichtig ist, sondern weil wir sehen, dass die Menschen ihrer Würde beraubt werden. Das ist das Leid Christi, der heute gekreuzigt wird in den Menschen, Christen wie Muslimen. Wenn wir intensiv auf die Stimme des Herrn und den Schrei der Unschuldigen hören, wird uns klar, wie wir antworten können. In diesem Moment des großen Kreuzes kommt es wirklich darauf an, von Christus zu lernen, der während der drei Stunden am Kreuz noch an andere dachte, an die Zukunft Mariens, an Johannes und an das Heil derer, die um ihn waren, wie der gute Schächer. Trotz allen Leidens dachte er daran, wie mit dem Werk der Erlösung nicht nur die ganze Welt gerettet werden konnte, sondern ganz speziell der neben ihm, der mit ihm litt. Er dachte an etwas Wunderschönes: die Vergebung. Er vergab selbst denjenigen, die ihn kreuzigten, auch wenn sie nicht darum baten.

Unsere Antwort ist kreativ, sie entspringt dem Glauben, dem Beispiel Jesu. Angesichts des Wassermangels in den Häusern haben wir Fahrer und kleine Lastwagen mit Tanks und Pumpen gemietet. Zuletzt standen 500 Familien auf unserer Liste, und wir schaffen nur 30 oder 40 am Tag. Wir haben den Zugang zu dem Brunnen in unserem Kloster geöffnet und verteilen nun jeden Tag mit Hilfe von Freiwilligen Hunderte Liter Wasser. Wir danken Gott, dass wir Trinkwasser haben. Von morgens bis abends kommen Leute, auch von weit her, zu uns. Viele alleinstehende alte Menschen konnten das Wasser nicht selber nach Hause tragen. So bringen wir es ihnen nun mit Freiwilligen zwischen 12 und 18 Jahren wenigstens jeden zweiten Tag ins Haus.

Wir haben uns verändert. Manchmal schaue ich mich an und muss lachen, weil ich, der ich das Forschen und den theologischen Diskurs liebe, mal Feuerwehrmann, dann Kranken- und Altenpfleger und oft erst zuletzt Priester bin. Aber es ist sehr schön, denn das ist die eigentliche Erfahrung des Geweihten wie des Laien, der sich berufen fühlt, der Kirche zu dienen und sie aufzubauen.

Die Angst herrscht in den Herzen, das Leid ist sehr groß, nicht nur für die Christen, sondern auch für die Muslime, die sich schämen für das, was geschieht. Wir wissen nicht, wann es zu Ende sein wird, genau wie bei der Christenverfolgung in den ersten Jahrhunderten. Aber entscheidend ist nicht, wann und wie es endet, entscheidend ist, dass wir Jesus Christus bezeugen. Nicht, dass wir uns selbst retten. Man muss zwar Lösungen suchen, auch politische, man muss etwas tun. Aber unsere erste Pflicht ist es, vom christlichen Leben Zeugnis abzulegen, indem wir liebend unser Kreuz tragen, indem wir vergeben und auch an das Heil der anderen denken.

Uns trennen nur 60 Meter von den Terroristen, die Tod und Schrecken in die Herzen säen. Doch jeden Tag opfern wir in unserer Gemeinschaft unser Leid auf für ihr Heil. Wir beten für sie und vergeben ihnen. Eine Dame, die in unserer Nachbarschaft wohnt, wo früher die meisten Familien Christen waren, beschwerte sich, weil so viele Muslime gekommen seien und die Häuser der Christen gemietet oder gekauft hätten. Sie hatte das Gefühl, dass sich sehr viel verändert habe – die Atmosphäre auf der Straße, die Art, wie man angeschaut würde – und fühlte sich unwohl. Ich habe ihr geantwortet: „Kann es nicht sein, dass der Herr zulässt, dass sich unsere Umgebung und die Menschen um uns herum ändern, damit der Wohlgeruch Christi auch zu ihnen gelangt? Könnte das nicht eine wunderschöne Mission sein, um die der auferstandene Herr uns bittet?“ Dann fühlt man sich nicht unwohl, sondern denkt nur daran, was der auferstandene Herr und Meister von uns erwartet, wie wir jenen den Glauben bezeugen können, die zu uns kommen.

Wir sind überzeugt, wenn der Herr irgendwann in der Geschichte, in den ersten Jahrzehnten der Kirche den Baum des Christentums in die Kultur Syriens, des Nahen Ostens gepflanzt hat, dass wir heutigen Christen nicht das Recht haben, diesen Ölbaum wegzutragen und ihn anderswo einzupflanzen. Denn der Herr will, dass er dort Früchte trägt.

Wir haben viel weiterzugeben. Wir haben auch aus der Geschichte der Kirche gelernt, dass ein Christ sich vor nichts zu fürchten braucht, weder vor Auseinandersetzungen, vor Andersartigem, noch davor, sich zu öffnen. Er hat keine Angst, mit anderen zusammenzuleben. Ein Christ trägt einen so starken Schatz im Herzen, dass er mit allen frei in Dialog treten kann, ohne sein Wesen aufzugeben. Sein Wesen besteht sogar eigentlich im Dialog. Den versuchen wir Christen dort, inmitten der halbzerstörten Stadt, mit allen. Oft gelingt es uns sogar, Werte zu vermitteln, ohne überhaupt etwas zu sagen. Vor ein paar Tagen kam ein Muslim zu mir, der schon lange mit uns zusammenarbeitet: „Pater, wenn ich sehe, wie die Leute herkommen, um Wasser zu holen, mit einem Lächeln, mit großem Frieden im Herzen, ohne zu streiten, ohne laut zu werden … Dann muss ich, der ich in ganz Aleppo herumkomme und sehe, wie sie sich umbringen, um an den Brunnen Wasser schöpfen zu können, staunen: Ihr seid voller Frieden, voller Freude. Ihr bringt es fertig, mit anderen zu teilen, sogar mit Muslimen, mit so viel Frieden. Ihr seid anders, Pater.“

Viele träumen davon auszuwandern. Das ist normal. Sie erleben alles Schlimme, was man sich nur vorstellen kann. Doch wir sind überzeugt, wenn der Herr irgendwann in der Geschichte, in den ersten Jahrzehnten der Kirche den Baum des Christentums in die Kultur Syriens, des Nahen Ostens gepflanzt hat, dass wir heutigen Christen nicht das Recht haben, diesen Ölbaum wegzutragen und ihn anderswo einzupflanzen. Denn der Herr will, dass er dort Früchte trägt. Da ist die Wurzel unseres Glaubens, in dem Land, durch das der heilige Paulus gegangen ist. Es ist das Land unserer Märtyrer. Und viele Familien sind überzeugt, dass es eine große Mission ist zu bleiben. Stellt euch vor, alle Christen verließen den Nahen Osten und kämen nach Europa: Wie viel Zeit würde es den Herrn selbst und Seinen mystischen Leib, die Kirche, kosten, das Christentum wieder dort einzupflanzen. Unsere Präsenz dort ist eine Mission, und wir bleiben da. Wir ergeben uns nicht. Wir lieben umso mehr, verzeihen umso mehr, legen umso mehr Zeugnis ab. Mit dem Glauben, der Hoffnung und der Liebe setzen wir diesen unseren Weg fort, auch wenn er ein Kreuzweg ist.

Wir sind uns bewusst, dass das Leben eines Christen kein Spaziergang ist, auch nicht für euch hier. Nicht für einen jungen Menschen, der versucht, einen ernsthaften Weg mit dem Herrn zu gehen, für jemanden, der in Italien, in Deutschland, in den USA lebt … Es ist immer ein Weg auf einem schmalen Pfad, mit vielen Schwierigkeiten, aber auch vielen Siegen. Wir beginnen mit dem Leid, erleiden auch den Tod, aber wir fürchten uns nicht. Denn wir haben die Kraft der Auferstehung. Ist das nicht das erste Geheimnis des Christentums? Durch den Glauben wissen wir, dass unser Leid eine große Bedeutung hat: eine erlösende Bedeutung, für uns wie für diejenigen, die uns umbringen, ja für die ganze Welt. Ein Grund zu leben und ein Grund zu sterben.

In Aleppo sehe ich sehr viele Zeichen der Auferstehung: Dass wir täglich die Messe feiern können, zum Beispiel, seit der Krieg ausgebrochen ist, ist für mich schon ein Wunder. Dass wir noch leben, ist ein großes Wunder. Wir wissen das Geschenk des Lebens mehr zu schätzen. Und wir sind immer mehr erfüllt von Dankbarkeit gegenüber Gott, der uns so vieles schenkt.

Um noch einmal auf den „Mangel“ im Titel des Meetings zu sprechen zu kommen: Bei den Christen, bei Priestern, bei Bischöfen zu sehen, dass sie Gott suchen, danach dürsten, in Gemeinschaft mit Gott zu leben, ist für mich ein Zeichen der Auferstehung. Auch bei unseren Brüdern aus den anderen Religionen sehe ich das Aufbrechen einer großen Suche, sie spüren einen großen Mangel. Angesichts des Fundamentalismus kommen existentielle Fragen auf: Ist der Weg, den wir beschreiten, der richtige? Auch unsere muslimischen Brüder suchen nach Gott, die, die an unsere Tür klopfen, die sich Fragen über Jesus Christus stellen, die in die Kirche kommen, um das Wort Gottes zu hören. Wie viel Sehnsucht, wie viel Durst wird da wach. Bei aller Verfolgung und allem Leid, das wir erleben, sind wir sicher, dass auch dies ein großes Zeichen ist, dass der auferstandene Jesus noch gegenwärtig ist, auch in Aleppo.

von Davide Perillo

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