MEETING IN RIMINI 2015 – Abt Mauro Lepori

CL    ,  ·  7.Okt 2015  ·  0 kommentar  ·  von Alessandra Stoppa
Ausstellung über den russischen orthodoxen Metropolit Antonij, eine freie Stimme während der sowjetischen Kirchenverfolgung in Russland.

DER MANGEL UND DAS HERZ GOTTES

 Ein Interview mit dem Zisterzienserabt Mauro Giuseppe Lepori, der dieses Jahr beim Meeting den Hauptvortrag hielt. [hier der Vortrag in englischer Sprache]

„Ich bin immer beeindruckt, wenn ich hierher komme. Ich sehe und höre hier Dinge, die mich zutiefst bewegen. Nicht nur gefühlsmäßig, sondern wie ein Vorschlag, der mir einen Weg öffnet.“ Pater Mauro Giuseppe Lepori, der Generalabt des Zisterzienserordens, dem dieses Jahr der Vortrag zum Titel des Meetings anvertraut war, fühlte sich nach ein paar Tagen in Rimini gleich jünger. „Hier geschehen Begegnungen, die in mir eine Sehnsucht nach Leben wachrufen.“

Was hat es für Sie bedeutet, dieses Jahr den Hauptvortrag zu halten?

Ich bin Gott dankbar, dass er mir – wie uns allen – ein unruhiges Herz gegeben hat, das nur in Ihm seine Ruhe findet. Und dieses Herz steht nicht alleine vor Gott, sondern es hat Bindungen. Wenn jemand dem wahren Bedürfnis seines Herzens nachgeht, dann spürt er, dass er Teil eines Volkes ist. Ich habe das nach dem Vortrag sehr intensiv wahrgenommen. Da hat sich ein Volk gebildet, nicht durch das, was ich gesagt habe, sondern dadurch, dass man gemeinsam vor dem Geheimnis steht. So als gäbe es keine Fremdheit mehr unter den Menschen. Normalerweise denken wir, dass wir einander fremd sind. Das kommt daher, dass wir nicht im Einklang mit der grundlegenden Sehnsucht unseres Herzens leben.

Der Papst hat in seiner Botschaft gesagt, es sei die wesentliche Aufgabe des Christen, anderen zu helfen und sich nicht zu leicht zufriedenzugeben. Was heißt das Ihrer Erfahrung nach?

Natürlich gebe ich mich oft mit dem zufrieden, was ich tue, was ich bin, genüge mir selbst. Wie der reiche Jüngling. Aber das Schöne ist, dass das nie lange hält. Es reicht nie! Das ist Gott. Er spricht zu unserem Herzen, das sich nie von etwas Geringerem zufriedenstellen lässt als von Ihm, von kleinen Dingen, wie der Papst sagt. Manchmal sucht man sich einen Götzen, an den man sich klammern kann. Das kann die eigene Selbstzufriedenheit sein, manchmal auch nur ein Gedanke, das, was man zu sein glaubt, was man zu tun glaubt, oder ein kleiner Erfolg. Oder man lässt sich entmutigen durch das, was nicht funktioniert. Allerdings nur, weil es einem selbst nicht passt. Aber früher oder später bemerkt man diesen Mangel [von dem der Titel des Meetings spricht]. Denn man ist unzufrieden und nicht froh. Vor allem aber geschieht immer wieder das Wunder, dass ein Mensch, eine Begegnung, ein Wort einen wieder auf das Unendliche hin öffnet. Dann merkt man sofort, dass einem das millionenfach mehr entspricht.

Pater Mauro Lepori

Pater Mauro Lepori

Sie sprachen von der Versuchung, zu glauben, Christus fehle den anderen nicht. Können Sie das näher erläutern?

In meiner Lebenswirklichkeit, den Klostergemeinschaften, die ich leite, ärgere ich mich, wenn ich den Eindruck habe, dass den anderen nicht Christus das Liebste ist, sondern tausend andere Dinge ihnen wichtiger sind. Aber Christus selbst nimmt daran keinen Anstoß. Anstatt die Leute zu verurteilen oder Anstoß zu nehmen, ist es also viel wichtiger, dass ich mich mit dem Herzen Gottes konfrontiere, das ganz von dem Wunsch bestimmt ist, uns anzunehmen. Was Gott für uns wünscht, ist unendlich viel größer. Und das rettet alles. Kein Anspruch kann mich oder die anderen retten. Kein Anspruch kann uns davor retten, unsere Sehnsucht zu misshandeln. Nur die Anziehungskraft, die aus dem Bewusstsein erwächst, dass Gott barmherzig ist, rettet uns. Wenn ich merke, wie ich von dieser Barmherzigkeit überrascht werde, die ich nicht einmal erwartet hatte. Der verlorene Sohn kehrt nach Hause zurück, weil er Hunger hat. Sein Magen ist leer. Aber die Sehnsucht des Vaters nach seinem Sohn ist unendlich viel größer. Das ändert alles. Es geht um die Barmherzigkeit. Nur wenn ich mich auf den Ursprung dieser Barmherzigkeit beziehe, kann ich andere ungeschuldet lieben. Es ist schön, dass ich vom frühen Morgen an, durch das Gebet, alles angehen kann in Verbindung mit einer Quelle der Vergebung und der Positivität, die all meine instinktiven Reaktionen den anderen gegenüber fortspült.

Sie haben gesagt, dass Gott Sehnsucht nach uns hat. Wo sehen Sie das in Ihrem Leben?

Ich kann sagen, dass Gott Sehnsucht nach uns hat, weil Christus gekommen ist. In Ihm ist die Barmherzigkeit des Vaters Fleisch geworden, Mensch geworden. Jesus hat sein ganzes Leben daran gedacht, wie der Vater sich nach den Menschen sehnt. Nicht, wie der Mensch sich nach Gott sehnt. Und genauso betrachtet Er uns jetzt. So schaute Er auf Zachäus, auf Petrus, so schaut Er auf dich und auf mich. Wie jeder andere auch, erfahre ich das durch diejenigen, die mich annehmen und lieben. Es gibt nichts Schöneres im Leben als einen Menschen, der sich freut, dich zu sehen. Ohne dass es dafür einen Grund gibt. Denn der Grund bist du. Du genügst. Das ist Ungeschuldetheit. Wie oft verraten wir diese Ungeschuldetheit! Die Dankbarkeit, die ich auf dem Meeting erfahren habe, erwächst nicht aus dem, was ich gesagt oder getan habe. Es ist die Ungeschuldetheit, die die Kirche beseelt, die unterschiedliche Begegnungen, unterschiedliche Menschen beseelt. Sie ist ungeschuldet, weil sich niemand von uns dieses Angenommen-Sein verdient hätte. Es gibt nichts in uns, das es verdient, geliebt zu werden. Mancher hält es vielleicht für selbstverständlich, aber es ist eine Überraschung, ein Ereignis. Manchmal schaue ich mich um hier auf dem Meeting und frage mich: Wie kommt es zu dieser Begegnung? Jemand hat uns zusammengeführt. Wir sehen Seine Hände nicht, aber wir finden zueinander und spüren, dass da Hände sind, die uns zusammenführen.

Sie haben Ihren Vortrag beendet mit der Bemerkung, dass die Antwort auf den Mangel in unserem Herzen die Aufforderung Jesu ist: Folge mir nach!

Ja. Es ist ein Weg mit Ihm. Dieses unglaubliche Wort des heiligen Paulus: „Er hat uns zusammen mit Christus wieder lebendig gemacht.“ Er hat uns mit Ihm auferweckt zum Leben; er lässt uns leben mit Ihm. Er hat nicht zuerst verlangt, dass ich mich ändere. Er hat mein Leben genommen, wie es ist, und hat es mit Christus zusammengebracht. Er hat mich vom Tod zum Leben auferweckt.

von Alessandra Stoppa

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