NACH PARIS / ZEUGNIS

Briefe    ,  ·  14.Dez 2015  ·  0 kommentar  ·  von Luca Fiore
People observe a minute of silence at the Trocadero in front the Eiffel Tower to pay tribute to the victims of the series of deadly attacks on Friday in Paris, France, November 16, 2015. REUTERS/Philippe Wojazer TPX IMAGES OF THE DAY - RTS7B0T
Menschen halten eine Minute Stille an der Trocadero (REUTERS/Philippe Wojazer TPX IMAGES OF THE DAY - RTS7B0T)

Nach fünf Jahren hat Gott sich wieder gemeldet

Camilla hat bei den Attentaten in Paris einen Freund verloren. Das hat ihr Leben verändert. Zunächst war da eine merkwürdige Ruhe. Dann kam der Wunsch nach Vergebung, um selber vergeben zu können. Schließlich feierte sie ihren Geburtstag und lud Silvio ein …

„Ein Kollege kam und fragte mich: ‚Wie kannst du noch lachen? Du hast einen Freund verloren und wartest auf den Termin für die Beerdigung. Wieso bist du so ruhig?‘ Ich habe ihm in die Augen geschaut und geantwortet: ‚Weil es jemanden gibt, der den Tod besiegt hat. Nach fünf Jahren ist er wieder gekommen, um mir ins Gesicht zu sagen, dass ich mein Leben nicht in der Hand habe.‘“

Camilla ist vor 26 Jahren in Bologna geboren. Sie arbeitet in einem der In-Lokale von Paris, dem Candelaria – eine der besten Cocktailbars der Welt. Und sie wohnt über dem Le petit Cambodge, einem der Restaurants, vor denen Terroristen am 13. November 2015 ein Blutbad anrichteten. An jenem Abend war sie nicht daheim, sondern nur 20 Minuten entfernt mit einer Freundin unterwegs. Der Verlobte der Freundin holte die beiden ab und brachte sie aus der Stadt heraus. Es folgten drei Tage, die ihr Leben veränderten.

Aber bevor Camilla erzählt, wie ihr Leben sich verändert hat, macht sie eine Vorbemerkung: „Seit fünf Jahren hatte ich nichts mehr mit der Bewegung zu tun. Ich meinte, mein Leben selbst in der Hand zu haben, und es war ein erfülltes Leben. Ich bin Geschäftsführerin eines großen Lokals geworden, habe geheiratet, einen Sohn bekommen, habe mich scheiden lassen …“ Mit 16 hatte sie Comunione e Liberazione kennengelernt. Mit 18 war sie zum Studium nach Paris gegangen. „Ich war in einer katastrophalen Lage, menschlich kaputt …“ Ende der Vorbemerkung.

„Einen Tag nach den Attentaten erhielt ich einen Anruf: ‚Es gibt schlechte Nachrichten.‘ Sofort fiel mir ein, dass unter den 350 WhatsApp-Nachrichten, die ich verschickt und erhalten hatte, eine unbeantwortet geblieben war, die an Guillaume. Er war vor dem La Belle Équipe getötet worden. Dann passierte etwas völlig Unerwartetes: Da war ein sehr heftiger Schmerz, aber gleichzeitig eine überraschende Ruhe. Völlig unvorhergesehen stand ich vor etwas, das ich nicht in der Hand hatte. Ich schaute auf mein Leben. Da waren diese Freunde, die mir zwei Tage Gastfreundschaft gewährt hatten, weil ich noch nicht in meine Wohnung zurückkehren konnte. Das war eine Tatsache. Ich merkte, dass ich die Dinge nicht mehr in der Hand hatte und dass doch etwas Schönes geschah. Ich war nicht allein.“ Nachdem Camilla zwei Stunden geweint hat, geht sie hinaus – auf die Straßen eines Frankreich, das vor Angst erstarrt ist –, um etwas einzukaufen. Sie will ein schönes Abendessen für sich und ihre Freunde kochen.

Am nächsten Tag, Sonntag, den 15. November, kamen die Eltern von Guillaume nach Paris. Sie baten Camilla, sie zu begleiten, um einen Blumenstrauß am Ort der Tragödie niederzulegen. „Als wir dort ankamen, dachte ich an die Attentäter. Aber auch an all das Schlechte, das ich im Leben tue. Ich sehnte mich nach Vergebung, und zwar für mich. Ich wünschte mir vor allem für mich selber einen barmherzigen Blick. Davon musste ich ausgehen, sonst wäre jede Form des Vergebens unnützes Gutmenschentum. Denn im Grunde bin ich nicht so völlig anders als sie.“

Wir haben keine Angst. Aber da ist noch mehr: Dieses ganze schreckliche Geschehen ist schon von Jemandem erlöst worden. Wir können uns für das Gute entscheiden. Gott hat uns so sehr geliebt, dass Er uns jeden Tag die Freiheit schenkt, uns zu entscheiden.

Guillaume liebte die italienische Sprache und Dante. Camilla kamen die Verse aus dem ersten Gesang der Hölle in den Sinn, wo den Dichter angesichts der wilden Tiere Angst überkommt. Er sieht Virgil und ruft ihm zu: „Hab Erbarmen mit mir, wer du auch seist, ob Schatten oder Mensch!“ „Und ich sagte mir: Ich kann um Vergebung bitten, weil ich weiß, dass Jemand sie mir schon gewährt hat und meine Bosheit besiegt. Nur deshalb kann ich mit Gewissheit um Erbarmen bitten. Das ist mir jetzt klar. Sonst wäre diese Bitte sinnlos.“ Auf dem Bürgersteig liegen Blumen und Plakate, auf denen steht: Même pas peur. Nicht einmal Angst. Oder: La valeur de la vie. Der Wert des Lebens. „Ich sah Guillaumes Eltern an und dachte: Es stimmt, wir haben keine Angst. Aber da ist noch mehr: Dieses ganze schreckliche Geschehen ist schon von Jemandem erlöst worden. Wir können uns für das Gute entscheiden. Gott hat uns so sehr geliebt, dass Er uns jeden Tag die Freiheit schenkt, uns zu entscheiden. Seit diesem Tag kämpfe ich darum, Dem anzugehören, der das Böse schon besiegt hat. Es ist ein Kampf mit mir selbst, denn ich bin wirklich eine Verrückte …“

Am Montag geht Camilla wieder zur Arbeit, sie trifft ihre Kollegen und Vorgesetzten. Was sie an dem Wochenende erlebt hat, hat sie verändert. Guillaume ist tot, denkt sie, und trotzdem kann ich nicht anders, als den anderen zu sagen, dass das Leben schön ist. In diese Woche fällt ihr Geburtstag. Seit drei Jahren schon hat sie ihn nicht mehr mit Freunden gefeiert, weil ihr nicht klar war, was es da zu feiern gab. Nun organisiert sie ein Fest. Und lädt auch Silvio ein.

„Als ich damals nach Paris kam, war ich allein. Ich hatte zwar viele Freunde, aber ich war einsam. Irgendjemand gab mir die Nummer von Silvio, dem Verantwortlichen von CL in Paris. Ich rief ihn an und er lud mich zum Tee ein. Kaum saß ich da, fing ich an zu weinen. „Ich bin mit meinem Leben nicht mehr zufrieden.“ Er schlug mir vor, auch seine Freunde kennenzulernen. Aber dann … Na ja, Silvio war der einzige, dem ich in den vergangenen Jahren aus dem Weg gegangen bin. Weil er mich daran erinnerte, mir selber treu zu sein. Doch nach diesem Wochenende brauchte ich mich nicht mehr zu verteidigen. Daher dachte ich: Gut, jetzt kann ich Silvio anrufen. Mir ist jetzt klar, dass ich diesen Blick auf mein Leben brauche. Und er ist zu meinem Geburtstag gekommen. Denn jemand, der einen liebt, ist immer zur Stelle.“

von Luca Fiore

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