„WAS SIND WIR WIRKLICH?“

Briefe     ·  15.Dez 2016  ·  0 kommentar  ·  von Fiorella, Tolentino (Macerata)

Der Brief einer Freundin aus dem Erdbebengebiet

Eine Ewigkeit scheint vergangen zu sein seit jenem Sonntag um 7.41 Uhr. Aber in Wirklichkeit sind es nur zehn Tage. Zehn intensive Tage, die uns bis ins Innerste erschüttert haben. Plötzlich standen wir ohne Haus da, mit unendlich vielen Ungewissheiten, Spannungen, Schwierigkeiten. Wenn man einen Augenblick innehält, dann muss man sich unweigerlich fragen: „Was sind wir wirklich?“

Man fragt sich das, wenn man wie ein Dieb in sein eigenes Haus schleicht, um etwas herauszuholen, und dann die wichtigsten Dinge vergisst. Wenn man die Wände sieht, an denen so viele Erinnerungen hängen und die jetzt stumm und verlassen dastehen.

„Was sind wir wirklich?“ Die Frage bleibt weiter offen. Aber mir ist bewusst, dass ich mehr bin als dieses ganze Chaos. Sonst wäre alles sinnlos. Denn dieses Chaos wird dem nicht gerecht, was mein Herz hier und jetzt fühlt, wonach es schreit.

Dann sehe ich ein Gesicht … In der Früh, als ich zur Arbeit fahre von jenem Ort aus, den ich  bisher nicht kannte, sehe ich ein Mädchen, das auf einer Bank sitzt und eine Zigarette raucht. Ich halte an, kurble das Fenster herunter und sage hallo. Und sie erwidert den Gruß mit einem Lächeln. Bisher kennen wir uns nicht. Ein anderes Mal tauscht man einen Blick aus, hört einem anderen zu. Jemand ruft an, schickt mir eine SMS, fragt mich, wie es mir geht und ob ich etwas brauche.

Eine Welt öffnet sich einem, wenn man es annimmt und sich nicht davor verschließt. Wenn man sagt, was man braucht, so weit man kann. Denn auch um Hilfe zu bitten, ist nicht einfach. Bei all dem muss man sich selber einbringen und sich auf andere einlassen. Und dann wird einem vielleicht klar, dass man ein Ich hat, das aufhören muss, alles „selber zu können“.

Daniele aus Rimini ruft an. Ich kenne ihn nicht. „Ich habe einen Wohnwagen. Meine Frau und ich haben beschlossen, ihn euch zu bringen.“ Cristiano schreibt per WhatsApp: „Freunde, hier bei mir sind mehr als dreißig Leute. Kommt doch mal vorbei …“ Stefano verkauft seinen Camper nicht, obwohl es jetzt gerade günstig wäre. Elisabetta ruft mich an: „Aus Rimini kommt noch ein Wohnwagen. Könnt ihr den brauchen?“

Und so geht es weiter. Giancarla schreibt, sie könne zwei Wohnungen zur Verfügung stellen. Maddalena aus Mailand, die ich nur einmal im Leben getroffen habe, schickt mir eine SMS mit drei Herzchen und fragt: „Wie geht´s euch? Was kann ich für eure Stadt tun?“ Vor Rührung kommen mir fast die Tränen.

„Was sind wir wirklich?“ Eigentlich nichts! Aber die Gesichter dieser Menschen sind für mich alles. Sie bedeuten neu zu beginnen mit Dem, der Seinen Blick immer auf mich gerichtet hat!

von Fiorella, Tolentino (Macerata)

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