WAS PAPST FRANZISKUS ÜBER DEN SINN VON WEIHNACHTEN SAGT

Editorial    ,  ·  1.Jan 2014  ·  0 kommentar  ·  von Julián Carrón
Anbetung der Drei Könige

Ein Brief von Julián Carrón, den die italienische Tageszeitung La Repubblica am 23. Dezember 2013 veröffentlicht hat.

 Sehr geehrter Herr Direktor,

hat uns Weihnachten noch etwas zu sagen, angesichts der Probleme des täglichen Lebens, die wir mit allen unseren Mitmenschen teilen und die scheinbar jegliche Hoffnung zunichte machen? Geht es nur um eine Erinnerung, die schöne Gefühle weckt? Oder geht es um die Nachricht von einem Ereignis, das in unsere Lebenswirklichkeit einzudringen vermag?

„Der Grund unserer Hoffnung ist dieser: Gott ist mit uns […] Aber es gibt etwas noch Erstaunlicheres. Die Gegenwart Gottes inmitten der Menschheit wurde nicht in einer idealen, idyllischen Welt verwirklicht, sondern in dieser realen Welt […] Er hat beschlossen, in unserer Geschichte zu wohnen, so wie sie ist, mit der ganzen Last ihrer Grenzen und ihrer Dramen […], um uns aus dem Staub unseres Elends, unserer Schwierigkeiten, unserer Sünden zu erheben.“ (Franziskus, Generalaudienz, 18. Dezember 2013) Diese Worte des Heiligen Vaters habe ich mir in den letzten Tagen oft in Erinnerung gerufen, um mich auf das große Ereignis von Weihnachten vorzubereiten.

Das Geheimnis fordert uns „in dieser realen Welt“ fortwährend heraus, ohne Unterlass ist es am Werk. Gott wählt dazu solche Umstände, die uns besonders deutlich vor Augen führen können, wer Er ist und welche außergewöhnliche Neuheit Er in der Welt bewirken kann.  Dies müsste uns alle freuen, denn es bedeutet, dass es nun keine Situation und keinen Moment des Lebens oder der Geschichte mehr gibt, der Gott daran hindern könnte, etwas Neues zu schaffen. Wie fordert das Geheimnis uns heraus?

In der Vorbereitung auf Weihnachten liest die Kirche wieder die großen Ereignisse aus der Geschichte des Volkes Israel und zeigt uns so, wie Gott in die Geschichte eingreift. Zum Beispiel werden uns zwei unfruchtbare Frauen vor Augen geführt, die keine Kinder gebären können: eine Frau aus Zora (die dann die Mutter des Simson wird, der das Volk Israel gegen die Philister verteidigen soll; vgl. Ri 13,2-7.24-25a) und Elisabeth (die Johannes den Täufer, den Vorläufer Christi geboren hat; vgl. Lk 1,5-25). Die beiden Frauen können die Dinge nicht irgendwie selbst „in Ordnung bringen“. Mit keiner noch so genialen Idee könnten sie sich zu Müttern machen. Das ist etwas für Menschen Unmögliches. So will Gott uns klar machen, dass Ihm alles möglich ist und wir nicht zu verzweifeln brauchen. Niemand soll von sich sagen, er sei verlassen, vergessen worden oder verdammt, in einer Lage zu leben, aus der er die Rechtfertigung beziehen könnte, seine Hoffnung zu verlieren. Nichts ist unmöglich für Den, der so etwas tut: zwei unfruchtbare Frauen zu Müttern zu machen. Ihre unvorhersehbare Mutterschaft stellt die größtmögliche Herausforderung für unser aller Vernunft und Freiheit dar. Es gibt keine Situation, keine Beziehung und kein menschliches Umfeld, das sich nicht ändern könnte. Und wenn jemand angesichts seiner Geschichte resigniert hat, so fordert der Herr seine mangelnde Hoffnung heute von neuem heraus.

„Dein Gebet ist erhört worden“, sagt der Engel zu Zacharias, „deine Frau Elisabet wird dir einen Sohn gebären; dem sollst du den Namen Johannes geben.“ Das Evangelium bezeichnet dies als eine „freudige Nachricht“. Wir sind nicht zum Skeptizismus verurteilt und das Scheitern all unserer Versuche erdrückt uns nicht. Es handelt sich nicht nur um eine Verheißung, sondern auch um deren Erfüllung, denn der Sohn wird ja wirklich geboren! Diese Fakten verkünden all jenen, die sich selbst zumindest noch mit einer Spur von Zärtlichkeit betrachten können, dass eine Veränderung möglich ist. Denn für Gott ist nichts unmöglich. Es reicht Ihm, wenn er bei uns ein verfügbares Herz findet.

Wenn wir diese Kraft Gottes in unser Leben hineinlassen, wird es von Freude erfüllt wie das des Zacharias: „Große Freude wird dich erfüllen.“ Und nicht nur uns. Auch für die anderen wird uns diese Freude geschenkt: „Auch viele andere werden sich über seine Geburt freuen.“ Sie zeigt, wer Gott ist und wer unter uns am Werk ist. Johannes wird „vom Heiligen Geist erfüllt“ sein und wird beginnen, vieles zu verändern.

Auf diese Weise bereitet uns die Kirche darauf vor, eine andere Frau zu betrachten, diesmal eine Jungfrau namens Maria, der etwas nicht weniger Geheimnisvolles geschehen ist als jenen beiden unfruchtbaren Frauen: die Menschwerdung Gottes durch das Wirken des Heiligen Geistes, der Maria mit ihrem Ja zugestimmt hat. Weihnachten bringt uns der Herr diese frohe Botschaft. Ob wir sie aufnehmen, hängt von jedem einzelnen von uns ab, von der schlichten Verfügbarkeit, uns von Ihm überraschen zu lassen, der uns mit Seiner Initiative fortwährend erreicht, hier und jetzt, „in dieser realen Welt“.

Wenn wir darum bitten und verfügbar sind für das, was der Herr Weihnachten unter uns wirkt, dann werden sich auch viele in unserer Umgebung über „unsere“ Wiedergeburt freuen. Nur diese Neuheit kann jeden Menschen von der Glaubwürdigkeit der christlichen Botschaft überzeugen, die ihn erreicht. Man braucht nur daran zu denken, wie viele Menschen aus verschiedensten Kulturen sich heute über die Existenz einer Person wie Papst Franziskus freuen, und sich herausgefordert fühlen von ihm, bei dem das Geheimnis diese Verfügbarkeit des Herzens gefunden hat.

von Julián Carrón

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