ZUM THEMA ARBEIT

Gesellschaft    , ,  ·  1.Jul 2016  ·  0 kommentar  ·  von Redaktion

Arbeit erzieht

 Man hat sein Diplom erworben, eine gute Stelle gefunden, vielleicht sogar bei einer sehr angesehenen Firma. Ist damit alles geritzt? „Nein, die Arbeit ist ein erzieherischer Prozess“, sagt Stefano Sala. Mit jungen Angestellten denkt er darüber nach, wie man sein Mensch- und Christsein auch am Arbeitsplatz leben kann.

„Wir würden dir gerne ein paar Fragen zum Thema Arbeit stellen. Können wir uns mal zum Abendessen treffen?“ Diese Anfrage erhielt Stefano Sala vor drei Jahren. Sala ist 50 Jahre alt und Geschäftsführer des Gruppo Per (ein Unternehmen, das Firmen nach Bränden, Überflutungen, Erdbeben etc. hilft, die Schäden zu beheben; es hat 150 Angestellte und macht einen Umsatz von ca. 150 Millionen Euro im Jahr). Die Leute, die sich mit ihm treffen wollten, waren um die Dreißig, hatten alle ihr Studium abgeschlossen und einen guten Job gefunden. Man könnte meinen, dann sei doch alles in Ordnung. Was wollten sie noch?

Stefano Sala

Stefano Sala

„Alle hatten verantwortungsvolle Stellen in Unternehmen und mussten sich nun den damit zusammenhängenden Problemen stellen: die Organisation der Arbeit, die Zusammenarbeit mit den Kollegen, die Konfrontation mit einem sehr wettbewerbsorientierten Umfeld, und auch Machtkämpfe. Mit allen entsprechenden Konsequenzen. Und sie hatten vielfach Arbeitszeiten, die nur schwer mit familiären Beziehungen und Freundschaften vereinbar waren … und mit ihrer christlichen Erfahrung. Der Kernfrage, die beim ersten Abendessen zutage trat, war also: Gilt das, was wir von Don Giussani und Carrón gelernt haben, nur nach Feierabend? Von neun Uhr abends bis zum nächsten Morgen?“

Die Idee, Sala zu fragen, war ihnen gekommen, als sie sich an eine Veranstaltung beim Meeting in Rimini erinnerten, bei dem er seine Geschichte erzählt hatte: Diplom an der berühmten Wirtschaftshochschule „Bocconi“ in Mailand, Manager bei einem internationalen Unternehmen, Hochzeit, drei Kinder – und dann die kündigt er und springt ins kalte Wasser: Er gründet eine Firma. „Ich hatte immer den Wunsch, dass mich die Arbeit – ob ich sie mir nun mehr gefällt oder weniger – nicht mir selbst entfremdet oder mich ganz einnimmt. Eine Firma zu gründen oder, brutal gesagt, „Geld zu machen“, ist Ausdruck dessen, was ich bin, der Wahrheit über mich selbst. Ich habe immer versucht, diese Spannung zu halten. Die konkreten Fragen, die mir diese jungen Leute stellten, waren mir also sehr vertraut. Es waren die gleichen, die auch meine Freunde und ich uns immer gestellt hatten.“

Ein Arbeitsprozess. Dem ersten Essen folgten weitere. Immer mehr Leute gesellten sich hinzu, so dass man beschloss, sich in Gruppen aufzuteilen. Das war der Zeitpunkt, an dem Sala einige seiner Freunde hinzuholte. Gemeinsam arbeiteten sie einige Kernpunkte aus, mit denen sich die Teilnehmer auseinandersetzen sollten und über die dann in den verschiedenen Gruppen diskutiert wurde. Die Fragen, die dabei aufkamen, griffen sie schließlich in einer großen Versammlung auf. Es entstand ein Arbeitsprozess, den sie CdO Academy nannten. Denn, so sagt Sala: „Lernen ist nicht nur etwas, was man in der Schule macht. Das ganze Arbeitsleben ist ein Lern- und Erziehungsprozess.“

2016 gibt es vier große Veranstaltungen – mit jeweils mehr als 300 Teilnehmern – zu unterschiedlichen Themen: Die ersten zehn Jahre eines Unternehmens. Führen und geführt werden. Der unbekannte Kunde. Vertreter – ein minderwertiger Job? Ziemlich konkret also. „Ja“, sagt Sala. „Aber eines wollten wir von Beginn an klarstellen: Wir vermitteln keine Kommunikationsstrategien, keine Gebrauchsanweisungen zur schnellen Anwendung im Unternehmen. Sondern das Zeugnis, die Erfahrungsberichte derer, die wir eingeladen haben, sollen Antwort auf die Fragen geben und helfen, den Weg zu finden, den dann jeder selber in seiner Firma gehen muss. Die Leute sollen lernen, sich die richtigen Fragen zu stellen.“

Der Bericht einer jungen Frau im großen Plenum verdeutlicht das. Ihre Arbeitsgruppe hat einen schweren Fehler gemacht. Sie geht zum Chef und sagt es ihm. Er reagiert heftig: „Wir machen keine Fehler. Sagt dem Kunden, dass es sein Fehler ist … dass er nicht genug Material geliefert hat oder es zu spät angekommen ist.“ Die junge Frau wendet verschüchtert ein, dass stimme aber nicht. Doch der Chef will nichts davon hören. Daher fragt sie nun hier: „Ich kann mit so einer Lüge nicht leben. Was soll ich tun?“ Alessandro Mercuri, Partner bei der Unternehmensberatung Deloitte, antwortet: „Eine Lüge bleibt eine Lüge. Nennen wir die Dinge beim Namen. Du weißt, dass ihr einen Fehler gemacht habt. Dann versuche herauszufinden, wie es dazu kam, damit es nicht wieder passiert. Und dein Chef bleibt dein Chef, dem du gehorchen musst. Aber du solltest diese Spannung in der Beziehung zu ihm aufrechterhalten. Dann wird er irgendwann merken, dass der Kunde dich nicht deshalb schätzt, weil du nie einen Fehler machst, sondern weil du angemessen reagierst, selbst wenn du einen Fehler gemacht hast. Und dass man aus Fehlern lernen kann. Verleugne nicht die Wahrheit und akzeptiere gleichzeitig nicht einfach tatenlos, was dein Chef sagt. Das ist eine Spannung, deren genaue Implikationen nur du verstehen kannst und die ihre Früchte tragen wird. Vor allem für dich.“ 

primopiano_2Wie sein eigenes Haus. Ein immer wiederkehrendes Thema ist das Koordinieren des Teams, besonders wenn es darin jemanden gibt, der deutlich weniger leistet. Sala erklärt: „Die einfachste Lösung wäre, denjenigen zu entlassen. Aber oft performt jemand nicht so, weil er den Zusammenhang zwischen seiner Arbeit und dem Ziel, das die Firma hat, nicht sieht. Das, was Don Giussani über die Moral sagt, trifft genauso auf die Arbeit zu. Sie ist die Verbindung zwischen dem Einzelnen und dem Ganzen, in das er eingebettet ist. Ein guter Chef schafft es, das Ziel deutlich zu machen, auf das hingearbeitet werden soll. Er kennt das Ziel und ist in der Lage, die Talente jedes Einzelnen zu entdecken und aufzuwerten, um es zu erreichen. Es ist eine Erziehung: das herauszuholen, was in jedem Einzelnen steckt.“

Erfahrung, Urteil, „der Mensch in der Gesamtheit seiner Faktoren“. Die Kategorien von Giussani werden bei den Treffen der CdO Academy immer mehr zu dem Konkretesten, was einem hilft zu leben und sein Leben nicht zu zerstückeln. Und das bringt am meisten, gerade für die Arbeit. Ein junger Manager erzählt Folgendes: Das multinationale Unternehmen, für das er arbeitet, ist weltweit in der Krise, nur seine Filiale macht noch Gewinne. Leider laufen in Italien insgesamt die Dinge nicht so gut. Die Zentrale schickt also ein paar Manager, die sich ein Bild machen sollen. In ihrem Abschlussbericht steht, der Geschäftsführer tue nichts Besonderes. Er mache nur die normalen Dinge gut. Das bedeute zum Beispiel, dass er die Richtlinien des Unternehmens mit seiner Erfahrung in dem Bereich abgleiche und, obwohl er sie befolge, immer auch Eigenes mit einbringe. An einer anderen Stelle steht: „Er kümmert sich um die Firma, wie er sich um sein eigenes Haus kümmern würde.“

„Auch das bedeutet, im Bereich der Arbeit, Zeuge zu sein“, betont Sala. „Ohne große Reden. Einfach daran, wie du bist, erkennt man etwas Anderes im Leben, das attraktiv ist. Oder zumindest Fragen aufwirft. Das hilft mir übrigens auch als Unternehmer.“ Inwiefern? „Durch die Diskussionen mit meinen Freunden, in der kleinen Gruppe und schließlich in der großen Versammlung hinterfrage ich auch, wie ich meine Firma führe. Die Beziehungen mit den Teilhabern und mit den Angestellten. Es reicht nicht, dass man mehr Geld macht. Kreativität, Leidenschaft für die Wirklichkeit bringen einen dazu, neue Marktnischen zu finden oder andere Strategien umzusetzen. Und oft genügt dazu viel Beobachten. Und wenig Theorie.“

von Redaktion

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