BEITRAG ZUR „EVANGELII GAUDIUM“ VON PAPST FRANZISKUS

Kirche    ,  ·  4.Mai 2018  ·  0 kommentar  ·  von Stefano Alberto
Pope Francis during a press conference on the flight back to Italy after departure from Rio de Janeiro in Brazil, 29 July 2013. ANSA/LUCA ZENNARO / POOL

DER PRIMAT DER FREUDE

Was ist das Wesentliche an Papst Franziskus’ „Programmschrift“ Evangelii gaudium? Was bedeutet sie für uns? Stefano Alberto versucht einen „essentiellen“ Durchgang.

Papst Franziskus hat Evangelii gaudium mehrfach als die „Programmschrift“ seines Pontifikates bezeichnet und die Gläubigen eingeladen, sie zu lesen, zu meditieren und sich ihre Inhalte zu eigen zu machen. Deswegen lohnt es sich, fünf Jahre nach seiner Wahl, noch einmal den roten Faden dieses Textes aufzunehmen und sich bewusst zu machen, wo sich die Kirche – und vor allem wir selber – verändern müssen.

Das Apostolische Schreiben, das am 24. November 2013 veröffentlicht wurde, ist Frucht der Arbeit der 13. Ordentlichen Vollversammlung der Bischofssynode, die Papst Benedikt XVI. einberufen hatte und die im Oktober 2012 unter dem Titel „Die neue Evangelisierung für die Weitergabe des christlichen Glaubens“ stattfand. Das Dokument nimmt viele Beiträge der Synodenväter auf und betrachtet sie im Licht der Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils (insbesondere Lumen Gentium und Dei Verbum) sowie der Lehre der Päpste Paul VI., Johannes Paul II. und Benedikt XVI.

Der wesentliche Sinngehalt erschließt sich schon im Eingangssatz: „Die Freude des Evangeliums erfüllt das Herz und das gesamte Leben derer, die Jesus begegnen. Diejenigen, die sich von ihm retten lassen, sind befreit von der Sünde, von der Traurigkeit, von der inneren Leere und von der Vereinsamung. Mit Jesus Christus kommt immer – und immer wieder – die Freude.“ (Evangelii gaudium, 1)

Von Anfang an ergeht die Einladung an jeden Christen, „gleich an welchem Ort und in welcher Lage er sich befindet, noch heute seine persönliche Begegnung mit Jesus Christus zu erneuern oder zumindest den Entschluss zu fassen, sich von ihm finden zu lassen, ihn jeden Tag ohne Unterlass zu suchen. Es gibt keinen Grund, weshalb jemand meinen könnte, diese Einladung gelte nicht ihm, denn ‚niemand ist von der Freude ausgeschlossen, die der Herr uns bringt‘. […] Gott wird niemals müde zu verzeihen; wir sind es, die müde werden, um sein Erbarmen zu bitten.“ (3)

Die Freude entspringt der Begegnung mit Christus, in dem sich die je größere Liebe Gottes zeigt. Das ist das ursprüngliche Wesen des Christentums. An prominenter Stelle, gleich in einem der ersten Absätze des Lehrschreibens, greift Franziskus den Anfang der ersten Enzyklika von Papst Benedikt auf: „Ich werde nicht müde, jene Worte Benedikts XVI. zu wiederholen, die uns zum Zentrum des Evangeliums führen: ‚Am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluss oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt.‘“ (7; vgl. Deus caritas est, 1)

„Allein dank dieser Begegnung – oder Wiederbegegnung – mit der Liebe Gottes, die zu einer glücklichen Freundschaft wird“, insistiert Franziskus, „ werden wir von unserer abgeschotteten Geisteshaltung und aus unserer Selbstbezogenheit erlöst. Unser volles Menschsein erreichen wir, wenn wir mehr als nur menschlich sind, wenn wir Gott erlauben, uns über uns selbst hinaus zu führen, damit wir zu unserem eigentlicheren Sein gelangen. Dort liegt die Quelle der Evangelisierung. Wenn nämlich jemand diese Liebe angenommen hat, die ihm den Sinn des Lebens zurückgibt, wie kann er dann den Wunsch zurückhalten, sie den anderen mitzuteilen?“ (8)

Es wäre falsch, die Sendung des Christen als eine heldenhafte, persönliche Aufgabe zu begreifen, „obwohl dieser Auftrag uns einen großherzigen Einsatz abverlangt, […] da es vor allem sein Werk ist, jenseits von dem, was wir herausfinden und verstehen können. Jesus ist ‚der allererste und größte Künder des Evangeliums‘ [vgl. Paul VI., Evangelii nuntiandi, 7]. In jeglicher Form von Evangelisierung liegt der Vorrang immer bei Gott“ (12).

Und wenn alle „das Recht [haben], das Evangelium zu empfangen“, so haben die Christen „die Pflicht, es ausnahmslos allen zu verkünden, nicht wie jemand, der eine neue Verpflichtung auferlegt, sondern wie jemand, der eine Freude teilt, einen schönen Horizont aufzeigt, ein erstrebenswertes Festmahl anbietet. Die Kirche wächst nicht durch Proselytismus, sondern ‚durch Anziehung‘“ (14), sagt Franziskus unter Verweis auf die historische Ansprache von Benedikt XVI. in Aparecida 2007. Auch „Johannes Paul II. hat uns ans Herz gelegt anzuerkennen, dass ‚die Kraft nicht verloren gehen [darf] für die Verkündigung‘ an jene, die fern sind von Christus, denn dies ist ‚die erste Aufgabe der Kirche.‘“ (15)

Daher schlägt Franziskus einige Leitlinien für die missionarische Aktivität der Kirche vor, die er in fünf Kapiteln ausführt.

Primerear. Die missionarische Umgestaltung einer Kirche „im Aufbruch“ (Kapitel 1, Nr. 20-51)

Franziskus führt uns gleich in eines seiner Lieblingsthemen ein: Eine Kirche, die dem Auftrag Jesu gehorcht, ist eine Kirche „im Aufbruch“. Sie „ist die Gemeinschaft der missionarischen Jünger, die die Initiative ergreifen, die sich einbringen, die begleiten, die Frucht bringen und feiern. ‚Primerear – die Initiative ergreifen‘: Entschuldigt diesen Neologismus! Die evangelisierende Gemeinde spürt, dass der Herr die Initiative ergriffen hat, ihr in der Liebe zuvorgekommen ist (vgl. 1 Joh 4,10), und deshalb weiß sie voranzugehen, versteht sie, furchtlos die Initiative zu ergreifen, auf die anderen zuzugehen, die Fernen zu suchen […]. Sie empfindet einen unerschöpflichen Wunsch, Barmherzigkeit anzubieten – eine Frucht der eigenen Erfahrung der unendlichen Barmherzigkeit des himmlischen Vaters und ihrer Tragweite.“ (24)

All das erfordert eine tiefgreifende und fortwährende Bekehrung, die „Öffnung für eine ständige Reform ihrer selbst aus Treue zu Jesus Christus“ (26), vom getauften Gläubigen bis zum Papst. Das gilt auch für die Art, wie die Frohe Botschaft weitergegeben wird: „Eine Seelsorge unter missionarischem Gesichtspunkt steht nicht unter dem Zwang der zusammenhanglosen Vermittlung einer Vielzahl von Lehren, die man durch unnachgiebige Beharrlichkeit aufzudrängen sucht. […] Die Verkündigung [konzentriert sich] auf das Wesentliche, auf das, was schöner, größer, anziehender und zugleich notwendiger ist.“ (35)

Franziskus greift hier die Aussagen des Konzils über die „Hierarchie der Wahrheiten“ innerhalb der Lehre der Kirche, einschließlich der Morallehre, auf: „Alle offenbarten Wahrheiten entspringen aus derselben göttlichen Quelle und werden mit ein und demselben Glauben geglaubt, doch einige von ihnen sind wichtiger, um unmittelbarer das Eigentliche des Evangeliums auszudrücken. In diesem grundlegenden Kern ist das, was leuchtet, die Schönheit der heilbringenden Liebe Gottes, die sich im gestorbenen und auferstandenen Jesus Christus offenbart hat.“ (36)

Das Evangelium lädt uns, so unterstreicht der Papst, zunächst und vor allem dazu ein, „dem Gott zu antworten, der uns liebt und uns rettet […]. Diese Einladung darf unter keinen Umständen verdunkelt werden! Alle Tugenden stehen im Dienst dieser Antwort der Liebe. Wenn diese Einladung nicht stark und anziehend leuchtet, riskiert das moralische Gebäude der Kirche, ein Kartenhaus zu werden, und das ist unsere schlimmste Gefahr.“ (39) Man darf dabei nie aus dem Blick verlieren, dass die Verkündigung durch begrenzte Menschen geschieht: „Zugleich erfordern die enormen und schnellen kulturellen Veränderungen, dass wir stets unsere Aufmerksamkeit darauf richten und versuchen, die ewigen Wahrheiten in einer Sprache auszudrücken, die deren ständige Neuheit durchscheinen lässt. […] In der heiligen Absicht, ihnen die Wahrheit über Gott und den Menschen zu vermitteln, geben wir ihnen bei manchen Gelegenheiten einen falschen ‚Gott‘ und ein menschliches Ideal, das nicht wirklich christlich ist. Auf diese Weise sind wir einer Formulierung treu, überbringen aber nicht die Substanz. Das ist das größte Risiko.“ (41)

Deswegen ist eine Kirche im Aufbruch eine Kirche mit offenen Türen. „Alle können in irgendeiner Weise am kirchlichen Leben teilnehmen, alle können zur Gemeinschaft gehören, und auch die Türen der Sakramente dürften nicht aus irgendeinem beliebigen Grund geschlossen werden. Das gilt vor allem, wenn es sich um jenes Sakrament handelt, das ‚die Tür‘ ist: die Taufe. […] Wenn die gesamte Kirche diese missionarische Dynamik annimmt, muss sie alle erreichen, ohne Ausnahmen.“ (47-48)

Hier sind wir bei einem der berühmtesten Abschnitte angelangt: „Mir ist eine ‚verbeulte‘ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist.“ (49)

SS. Papa Francesco - Pranco con i poveri<br /> 19-11-2017<br />

Papst Franziskus zu Tisch mit den Armen @Servizio Fotografico – L’Osservatore Romano

Der Kontext, in dem wir leben: Herausforderungen und Versuchungen (Kapitel 2, Nr. 52-110)

Was ist der realistische Blick eines Christen, der sich nicht in Diagnosen oder soziologischen Analysen verlieren will, auf den Kontext, „in dem wir zu leben und zu wirken haben“?

Wir erleben einen „Zeitenwandel“, eine „historische Wende“, bekräftigt der Papst. Dabei dürfen wir trotz allem Erfolg und Fortschritt, der zum Wohlstand der Menschen in verschiedenen Bereichen beiträgt, nicht vergessen, „dass der größte Teil der Männer und Frauen unserer Zeit in täglicher Unsicherheit lebt, mit unheilvollen Konsequenzen“ (52).

Und dann klagt Franziskus, wie ein Prophet des Alten Testaments, heftig die schlimmen Erscheinungsweisen und immer neuen Formen einer oftmals anonymen Macht an. Er setzt mehrmals ein klares Nein. Vor allem gegen eine Wirtschaft, die viele ausschließt: „Diese Wirtschaft tötet. […] Der Mensch an sich wird wie ein Konsumgut betrachtet, das man gebrauchen und dann wegwerfen kann.“ (53) Nein auch zu den „neuen Götzen“, zum „Fetischismus des Geldes“ und zur „Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht“. „Die Finanzkrise, die wir durchmachen, lässt uns vergessen, dass an ihrem Ursprung eine tiefe anthropologische Krise steht: die Leugnung des Vorrangs des Menschen!“ (55) Nein auch „zu einem Geld, das regiert, statt zu dienen“ (57), und „zur sozialen Ungleichheit, die Gewalt hervorbringt“ (59)

Zu den aktuellen Herausforderungen, denen sich die Kirche stellen muss, zählt Franziskus auch die Angriffe auf die Religionsfreiheit und die Christenverfolgungen: „Das schadet nicht nur der Kirche, sondern dem Gesellschaftsleben allgemein.“ (61) Außerdem führt „der Säkularisierungsprozess dazu, den Glauben und die Kirche auf den privaten, ganz persönlichen Bereich zu beschränken. […] Diese Argumentationen entspringen gewöhnlich aus einer Form von moralischem Relativismus, der sich – nicht ohne inneren Widerspruch – mit einem Vertrauen auf die absoluten Rechte des Einzelnen verbindet. In dieser Sichtweise nimmt man die Kirche wahr, als fördere sie ein besonderes Vorurteil und als greife sie in die individuelle Freiheit ein.“ (64)

Als Kinder unserer Zeit stehen auch wir Christen unter dem Einfluss der herrschenden Kultur und sind versucht, so sein und handeln zu wollen wie diese. „So nimmt die größte Bedrohung Form an, der ‚graue Pragmatismus des kirchlichen Alltags, bei dem scheinbar alles mit rechten Dingen zugeht, in Wirklichkeit aber der Glaube verbraucht wird und ins Schäbige absinkt‘“, wie Kardinal Ratzinger es 1996 bei der Lateinamerikanischen Bischofskonferenz in Guadalajara formulierte (vgl. Nr. 83).

Doch anstatt einem „sterilen Pessimismus“ (84) zu verfallen, sollten wir lieber auf die „neuen, von Jesus Christus gebildeten Beziehungen“ (87) setzen. „Das christliche Ideal wird immer dazu auffordern, den Verdacht, das ständige Misstrauen, die Angst überschwemmt zu werden, die defensiven Verhaltensweisen, die die heutige Welt uns auferlegt, zu überwinden. […] Das Evangelium [lädt] uns immer ein, das Risiko der Begegnung mit dem Angesicht des anderen einzugehen, mit seiner physischen Gegenwart, die uns anfragt, mit seinem Schmerz und seinen Bitten, mit seiner ansteckenden Freude in einem ständigen unmittelbar physischen Kontakt. […] Der Sohn Gottes hat uns in seiner Inkarnation zur Revolution der zärtlichen Liebe eingeladen.“ (88)

Wenn wir dagegen einer spirituellen Weltlichkeit erliegen, die „sich hinter dem Anschein der Religiosität und sogar der Liebe zur Kirche verbirgt“, dann suchen wir letztendlich nur unseren „eigenen Vorteil, nicht die Sache Jesu Christi“ (93).

Unter den möglichen Formen dieser Weltlichkeit weist Franziskus einerseits auf „die Faszination des Gnostizismus, eines im Subjektivismus eingeschlossenen Glaubens, bei dem einzig eine bestimmte Erfahrung oder eine Reihe von Argumentationen und Kenntnissen interessiert, von denen man meint, sie könnten Trost und Licht bringen, wo aber das Subjekt letztlich in der Immanenz seiner eigenen Vernunft oder seiner Gefühle eingeschlossen bleibt“. Und andererseits „der selbstbezogene und prometheische Neu-Pelagianismus derer, die sich letztlich einzig auf die eigenen Kräfte verlassen und sich den anderen überlegen fühlen, weil sie bestimmte Normen einhalten […]. In beiden Fällen existiert weder für Jesus Christus noch für die Menschen ein wirkliches Interesse.“ (94)

Die Kirche als Gesamtheit des Volkes Gottes, das das Evangelium verkündet (Kapitel 3, Nr. 111-176)

Papst Franziskus spricht hier über das Subjekt der Evangelisierung, die Kirche. Sie ist „weit mehr als eine organische und hierarchische Institution, da es vor allem ein Volk auf dem Weg zu Gott ist.“ (111) „Das Heil, das Gott uns anbietet, ist ein Werk seiner Barmherzigkeit. Es gibt kein menschliches Tun, so gut es auch sein mag, das uns ein so großes Geschenk verdienen ließe. […] Benedikt XVI. hat dies treffend zum Ausdruck gebracht, als er die Überlegungen der Synode eröffnete: ‚Daher ist es wichtig, immer zu wissen, dass das erste Wort, die wahre Initiative, das wahre Tun von Gott kommt, und nur indem wir uns in diese göttliche Initiative einfügen, nur indem wir diese göttliche Initiative erbitten, können auch wir – mit ihm und in ihm – zu Evangelisierern werden.‘“ (112)

„Dieses Heil, das Gott verwirklicht und das die Kirche freudig verkündet, gilt allen.“ (113) Deswegen muss die Kirche „der Ort der ungeschuldeten Barmherzigkeit sein, wo alle sich aufgenommen und geliebt fühlen können, wo sie Verzeihung erfahren und sich ermutigt fühlen können, gemäß dem guten Leben des Evangeliums zu leben.“ (114)

Franziskus lädt uns dann ein, die grundlegende Bedeutung der Taufe wieder neu zu entdecken: „Kraft der empfangenen Taufe ist jedes Mitglied des Gottesvolkes ein missionarischer Jünger geworden (vgl. Mt 28,19). […] Jeder Christ ist in dem Maß Missionar, in dem er der Liebe Gottes in Jesus Christus begegnet ist; wir sagen nicht mehr, dass wir ‚Jünger‘ und ‚Missionare‘ sind, sondern immer, dass wir ‚missionarische Jünger‘ sind.“ (120) Die Erfahrung der Begegnung mit Christus teilt sich im Leben mit, in immer neuen Begegnungen, von Mensch zu Mensch. Und das Wirken des Heiligen Geistes in jedem Getauften wird noch verstärkt durch das Geschenk der Charismen, die im Dienst der evangelisierenden Gemeinschaft stehen: „Sie sind kein verschlossener Schatz, der einer Gruppe anvertraut wird, damit sie ihn hütet; es handelt sich vielmehr um Geschenke des Geistes, die in den Leib der Kirche eingegliedert und zur Mitte, die Christus ist, hingezogen werden, von wo aus sie in einen Evangelisierungsimpuls einfließen.“ (130)

Für Papst Franziskus ist entscheidend: „Christus zu verkündigen, bedeutet zu zeigen, dass an ihn glauben und ihm nachfolgen nicht nur etwas Wahres und Gerechtes, sondern etwas Schönes ist, das sogar inmitten von Prüfungen das Leben mit neuem Glanz und tiefem Glück erfüllen kann.“ (167)

Die soziale Dimension der Evangelisierung (Kapitel 4, Nr. 177-261)

Franziskus geht von der Überlegung aus, dass die Verkündigung des Evangeliums „einen unausweichlich sozialen Inhalt [besitzt]: Im Mittelpunkt des Evangeliums selbst stehen das Gemeinschaftsleben und die Verpflichtung gegenüber den anderen. Der Inhalt der Erstverkündigung hat eine unmittelbare sittliche Auswirkung, deren Kern die Liebe ist.“ (177) „Folglich kann niemand von uns verlangen, dass wir die Religion in das vertrauliche Innenleben der Menschen verbannen. […] Ein authentischer Glaube – der niemals bequem und individualistisch ist – schließt immer den tiefen Wunsch ein, die Welt zu verändern“. (183)

Der Papst konzentriert sich hier auf zwei große Fragen, die ihm in diesem Moment der Geschichte grundlegend erscheinen: die gesellschaftliche Eingliederung der Armen sowie der Friede und der gesellschaftliche Dialog.

  1. Die gesellschaftliche Eingliederung der Armen. „Die Sorge um die ganzheitliche Entwicklung der am stärksten vernachlässigten Mitglieder der Gesellschaft“ erwächst aus „unserem Glauben an Christus, der arm geworden und den Armen und Ausgeschlossenen immer nahe ist“. (186) Franziskus erklärt: „Im Herzen Gottes gibt es einen so bevorzugten Platz für die Armen, dass er selbst ‚arm wurde‘ (2 Kor 8,9). Der ganze Weg unserer Erlösung ist von den Armen geprägt. Dieses Heil ist zu uns gekommen durch das ‚Ja‘ eines demütigen Mädchens aus einem kleinen, abgelegenen Dorf am Rande eines großen Imperiums. […] Denen, die unter der Last von Leid und Armut lebten, versicherte er, dass Gott sie im Zentrum seines Herzens trug: ‚Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes‘ (Lk 6,20); mit ihnen identifizierte er sich: ‚Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben‘ und lehrte, dass die Barmherzigkeit ihnen gegenüber der Schlüssel zum Himmel ist (vgl. Mt 25,35f).“ (197)

Von da aus gelangt der Papst zu einer sehr wichtigen Feststellung: „Für die Kirche ist die Option für die Armen in erster Linie eine theologische Kategorie und erst an zweiter Stelle eine kulturelle, soziologische, politische oder philosophische Frage. Gott gewährt ihnen ‚seine erste Barmherzigkeit‘ [Johannes Paul II.]. Diese göttliche Vorliebe hat Konsequenzen im Glaubensleben aller Christen, die ja dazu berufen sind, so gesinnt zu sein wie Jesus (vgl. Phil 2,5). Von ihr inspiriert, hat die Kirche eine Option für die Armen gefällt, die zu verstehen ist als ‚besonderer Vorrang in der Weise, wie die christliche Liebe ausgeübt wird‘ […]. Aus diesem Grund wünsche ich mir eine arme Kirche für die Armen. Sie haben uns vieles zu lehren. Sie haben nicht nur Teil am sensus fidei, sondern kennen außerdem dank ihrer eigenen Leiden den leidenden Christus. Es ist nötig, dass wir alle uns von ihnen evangelisieren lassen. […] Wir sind aufgerufen, Christus in ihnen zu entdecken, uns zu Wortführern ihrer Interessen zu machen, aber auch ihre Freunde zu sein, sie anzuhören, sie zu verstehen und die geheimnisvolle Weisheit anzunehmen, die Gott uns durch sie mitteilen will.“ (198)

Diese Aufmerksamkeit gilt auch den neuen Formen der Armut, in denen wir berufen sind, „den leidenden Christus zu erkennen“, in „den Obdachlosen, den Drogenabhängigen, den Flüchtlingen, den eingeborenen Bevölkerungen, den immer mehr vereinsamten und verlassenen alten Menschen“ (210), den Migranten und den ungeborenen Kindern. „Sie sind die Schutzlosesten und Unschuldigsten von allen.“ (213) „Die Würde jedes Menschen und das Gemeinwohl“, sagt Franziskus, „sind Fragen, die die gesamte Wirtschaftspolitik strukturieren müssten“ (203). „Die so in Misskredit gebrachte Politik ist eine sehr hohe Berufung, ist eine der wertvollsten Formen der Nächstenliebe, weil sie das Gemeinwohl anstrebt.“ (205)

  1. Das Gemeinwohl und der soziale Frieden. Ein Volk zu werden, „ist ein fortschreitender Prozess, an dem sich jede neue Generation beteiligen muss. Es ist eine langsame und anstrengende Aufgabe, die verlangt, dass wir uns integrieren und bereit sind, geradezu eine Kultur der Begegnung in einer vielgestaltigen Harmonie zu entfalten lernen.“ (220) „Um mit dem Aufbau eines Volkes […] fortzuschreiten, gibt es“, laut Franziskus, „vier Prinzipien, die mit den bipolaren Spannungen zusammenhängen, die in jeder gesellschaftlichen Wirklichkeit vorkommen. Diese leiten sich von den Grundpfeilern der kirchlichen Soziallehre […] her“ (221) und stellen den Kompass im politischen Denken des Papstes dar: „Die Zeit ist mehr wert als der Raum“, „die Einheit wiegt mehr als der Konflikt“, „die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee“ und „das Ganze ist dem Teil übergeordnet“. (222-237)

„Die Evangelisierung schließt auch einen Weg des Dialogs ein.“ In unserer Zeit sind das besonders drei Bereiche, in denen die Kirche „präsent sein muss“: „im Dialog mit den Staaten, im Dialog mit der Gesellschaft – der den Dialog mit den Kulturen und den Wissenschaften einschließt – und im Dialog mit anderen Glaubenden, die nicht zur katholischen Kirche gehören.“ (238) Dieser Dialog setzt „die Achtung der Religionsfreiheit“ voraus, „die als ein fundamentales Menschenrecht betrachtet wird.“ (255)

ROME, ITALY - MARCH 28: (EDITORIAL USE ONLY - STRICTLY NO COMMERCIAL OR MERCHANDISING USAGE - BOOKS OUT, BROADCAST OUT, All image rights and copyrights reserved to the photographic Service of L'Osservatore Romano). IMAGE IS NOT LICENSED FOR USAGE BEYOND 60 DAYS OF CREATE DATE) Pope Francis washes the feet of a prisoner at the Casal Del Marmo Youth Detention Centre during the mass of the Lord's Supper on March 28, 2013 in Rome, Italy. During the mass, commemorating Christ's Last Supper, Pope Francis washed the feet of prisoners in the Casal Del Marmo youth detention centre in observance of the Bible's account of Jesus Christ's gesture towards his 12 apostles on the night before he was crucified. (Photo by L'Osservatore Romano/Getty Images)

Liturgie vom Gründonnerstag, 28.3.2013 (Photo by L’Osservatore Romano/Getty Images)

Mit Geist evangelisieren (Kapitel 5, Nr. 262-288)

Am Ende seines Schreibens kommt Papst Franziskus, mit sehr persönlichen Akzenten und großer Glaubensdichte, auf die fundamentalen Gründe der Mission und das Wesen des Christentums zurück. Die heutigen Christen sind aufgerufen, auf den Ursprung, auf den gegenwärtigen Christus und die Anfänge ihrer Geschichte zu schauen: „Es ist förderlich, sich an die ersten Christen und die vielen Brüder und Schwestern im Laufe der Geschichte zu erinnern, die von Freude erfüllt und voller Mut waren, unermüdlich in der Verkündigung und fähig zu großer tätiger Ausdauer. Es gibt welche, die sich damit trösten zu sagen, dass es heute schwieriger ist; allerdings müssen wir zugeben, dass im Römischen Reich die Lage weder für die Verkündigung des Evangeliums noch für den Kampf für die Gerechtigkeit oder die Verteidigung der Menschenwürde günstig war. […] Sagen wir also nicht, dass es heute schwieriger ist; es ist anders. Lernen wir indessen von den Heiligen, die uns vorangegangen sind und die die jeweiligen Schwierigkeiten ihrer Zeit angepackt haben. Deswegen schlage ich euch vor, dass wir einen Moment innehalten, um einige Motivationen wiederzugewinnen, die uns helfen, sie heute nachzuahmen.“ (263)

Der wesentliche Grund für den Christen, in solch einem schwierigen Kontext Zeugnis zu geben, ist die persönliche Begegnung mit der rettenden Liebe Gottes: „Der erste Beweggrund, das Evangelium zu verkünden, ist die Liebe Jesu, die wir empfangen haben; die Erfahrung, dass wir von ihm gerettet sind, der uns dazu bewegt, ihn immer mehr zu lieben. Aber was für eine Liebe ist das, die nicht die Notwendigkeit verspürt, darüber zu sprechen, geliebt zu sein, und dies zu zeigen und bekannt zu machen?“ (264)

Jedes Mal, wenn man den gegenwärtigen Christus neu entdeckt, ist man wieder „davon überzeugt, dass es genau das ist, was die anderen brauchen, auch wenn sie es nicht erkennen […]. Mitunter verlieren wir die Begeisterung für die Mission, wenn wir vergessen, dass das Evangelium auf die tiefsten Bedürfnisse der Menschen antwortet. Denn wir alle wurden für das erschaffen, was das Evangelium uns anbietet: die Freundschaft mit Jesus und die brüderliche Liebe.“ (265)

Der Papst stellt fest, dass man „eine hingebungsvolle Evangelisierung nicht mit Ausdauer betreiben [kann], wenn man nicht aus eigener Erfahrung davon überzeugt ist, dass es nicht das Gleiche ist, Jesus kennen gelernt zu haben oder ihn nicht zu kennen, dass es nicht das Gleiche ist, mit ihm zu gehen oder im Dunkeln zu tappen, […] in ihm ruhen zu können oder es nicht tun zu können.“ (266) Deswegen suchen wir, „mit Jesus vereint […], was er sucht, lieben wir, was er liebt. Letztlich suchen wir die Ehre des Vaters […]. Wenn wir uns rückhaltlos und beständig hingeben wollen, müssen wir über jede andere Motivation hinausgehen. Dies ist das endgültige, tiefste, größte Motiv, der letzte Grund und Sinn von allem anderen“. (267)

In unserer Beziehung mit der Welt sind wir immer aufgefordert, über unsere Hoffnung Rechenschaft abzulegen, jedoch „nicht als Feinde, die anzeigen und verurteilen“ (271). „Benedikt XVI. sagte, ‚dass die Abwendung vom Nächsten auch für Gott blind macht‘ [Deus caritas est, 16]. […] Jedes Mal wenn wir unsere Augen öffnen, um den anderen zu erkennen, wird unser Glaube weiter erleuchtet, um Gott zu erkennen.“ (272)

Die tiefste Quelle unserer Hoffnung ist, wie der Papst uns erinnert, der glorreiche, auferstandene Christus, der hier und jetzt gegenwärtig ist: „Seine Auferstehung gehört nicht der Vergangenheit an; sie beinhaltet eine Lebenskraft, die die Welt durchdrungen hat. Wo alles tot zu sein scheint, sprießen wieder überall Anzeichen der Auferstehung hervor. Es ist eine unvergleichliche Kraft.“ (276) „Glaube bedeutet auch, Gott zu glauben, zu glauben, dass es wahr ist, dass er uns liebt, dass er lebt, dass er fähig ist, auf geheimnisvolle Weise einzugreifen, dass er uns nicht verlässt, dass er in seiner Macht und seiner unendlichen Kreativität Gutes aus dem Bösen hervorgehen lässt. […] Die Auferstehung Christi bringt überall Keime dieser neuen Welt hervor; und selbst wenn sie abgeschnitten werden, treiben sie wieder aus, denn die Auferstehung des Herrn hat schon das verborgene Treiben dieser Geschichte durchdrungen.“ (278)

Aber da „wir nicht immer diese aufkeimenden Sprossen sehen, brauchen wir“, wie Franziskus feststellt, „eine innere Gewissheit und die Überzeugung, dass Gott in jeder Situation handeln kann, auch inmitten scheinbarer Misserfolge […]. Diese Gewissheit ist das, was ‚Sinn für das Mysterium‘ genannt wird. Es bedeutet, mit Bestimmtheit zu wissen, dass sicher Frucht bringen wird (vgl. Joh 15,5), wer sich Gott aus Liebe darbringt und sich ihm hingibt. […] Man weiß wohl, dass das eigene Leben Frucht bringen wird, beansprucht aber nicht zu wissen wie, wo oder wann. […] Wir wissen nur, dass unsere Hingabe notwendig ist.“ (279)

Im Grunde ist das vielleicht der wesentliche Punkt in der Lehre von Papst Franziskus. Seine Worte und Gesten führen immer wieder zu diesem Bewusstsein: „Lernen wir, in den zärtlichen Armen des Vaters zu ruhen, inmitten unserer kreativen und großherzigen Hingabe. Machen wir weiter, geben wir ihm alles, aber lassen wir zu, dass er es ist, der unsere Mühen fruchtbar macht, wie es ihm gefällt.“ (279)

 

von Stefano Alberto

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