FLÜCHTLINGE: INTERVIEW MIT DEM JOURNALISTEN WOLFGANG BAUER

Aktuelles     ·  13.Nov 2015  ·  0 kommentar  ·  von Andrea Avveduto
MUNICH, GERMANY - SEPTEMBER 6: A refugee family who travelled by train to the main railway station 'Munich Hauptbahnhof' leaves the train under control by police and meets some family members before they enter another train to get to a refugee centre on September 06, 2015 in Munich, Germany. Hundreds of refugees, mainly from Syria and Iraq, arrive in Germany after Hungary has opened his borders for them to travell on to Germany and Austria. (Photo by Joerg Koch/Anadolu Agency/Getty Images)
München, 6. September 2015: Flüchtlinge aus Syrien und Irak am Münchner Hauptbahnhof (Photo by Joerg Koch/Anadolu Agency/Getty Images)

„DESHALB HABE ICH MICH MIT IHNEN AUF DEN WEG GEMACHT“

Der deutsche Journalist WOLFGANG BAUER hat syrische Flüchtlinge auf ihrer Flucht begleitet. Er erzählt, wie dieses Abenteuer ihn verändert hat.

„Es ist wirklich eine Tragödie. Menschen werden wie Gegenstände behandelt, wie Probleme, derer man sich entledigen will. Wir müssen uns klarmachen, dass die Syrer nicht freiwillig nach Europa kommen. Sie fliehen vor einem Krieg, vor Gewalt. Aber ich kann Ihnen versichern, dass es ihnen gut ging in ihren Dörfern, bevor dieser Horror begann.“ Wolfgang Bauer, Jahrgang 1970, ist heute ein bekannter Autor der Zeit. Bevor er Journalist wurde, war er schon Zeitsoldat bei der Bundeswehr, hat als Bäckereifahrer, Fremdenführer und Postbote gejobbt und an der Universität Tübingen Islamistik, Geographie und Geschichte studiert. Seit 1994 schreibt er unter anderem für das Schwäbische Tagblatt, den Stern, Focus und das Greenpeace-Magazin.

Letztes Jahr begleitete er verzweifelte Syrer bei ihrer Flucht von Ägypten aus. Er ging mit ihnen ins Gefängnis, stieg mit ihnen aufs Boot, sah sie weinen, leiden, hoffen. Über diese Reise hat er ein Buch geschrieben, das inzwischen zum Bestseller geworden ist: Über das Meer – Mit Syrern auf der Flucht nach Europa (Suhrkamp, Berlin 2014, 14 €).

Wolfgang Bauer

Wolfgang Bauer

Beginnen wir genau dort. Was hat Sie dazu bewegt, mit Flüchtlingen „über das Meer“ zu fahren?

Ich habe beschlossen, mich mit ihnen auf den Weg zu machen, weil ich sah, dass viele meiner Freunde, die ich vor langer Zeit in Syrien kennengelernt hatte, nach Europa kamen. Ich fühlte mich ihrem Leid verbunden, ihrer Hoffnung, der so menschlichen Hoffnung, dem Krieg zu entkommen. Und ich wollte das miterleben, mit ihnen, bis zur letzten Konsequenz.

Deutschlands Haltung und Angela Merkels einladende Worte lösen inzwischen heftige Diskussionen aus. Was sagen Sie dazu?

Diese Krise ist eine Herausforderung, die den ganzen Kontinent angeht, nicht nur Deutschland. Aber wir Europäer haben das Problem jahrelang unterschätzt! Wir haben zugesehen, wie Syrien in einem absurden Krieg versank. Während die Leute dort starben, verfolgte Europa und insbesondere die deutsche Regierung eine Politik der Nichteinmischung, wartete ab und sah nur zu. Wir haben uns in all den Jahren herausgehalten, weil wir die Lage nicht noch schlimmer machen wollten.

Das gilt auf politischer Ebene. Andererseits haben viele Deutsche die syrischen Flüchtlinge herzlich willkommen geheißen, teilweise sogar mit Blumen in den Händen …

Die Menschen aufzunehmen, aber vorher noch, ihnen zu helfen, nach Europa zu gelangen, ist ein Akt der Menschenwürde dem gegenüber, der auf der Flucht ist, aber nicht zuletzt auch sich selbst gegenüber. Es bedeutet, seinem eigenen Herzen treu zu bleiben. Die Gastfreundschaft des deutschen Volkes ist die beste Antwort auf Gesetze, die Menschen unterdrücken und die Gesellschaft zum Negativen verändern. Gastfreundschaft ist nichts Heroisches, sondern eine Geste der Selbstachtung.

Auf der einen Seite die Gesetze, auf der anderen Seite die natürliche Gastfreundschaft der Leute. Aber wie kann man das Problem lösen?

Wir müssen auf jeden Fall schauen, dass der Konflikt ein Ende findet, der Syrien zerstört und vor dem alle fliehen. Meiner Meinung nach sollte man sofort zwei entscheidende Maßnahmen ergreifen: Erstens eine No-Fly-Zone einrichten, um die Zivilbevölkerung vor den Bombardements zu schützen. Im Irak haben wir das bereits erreicht. Warum machen wir das nicht noch einmal?

Genau: Warum?

Weil die Regierungen kurzsichtig sind. Glauben Sie mir, die Flüchtlinge wollen nach Hause zurückkehren. Aber wenn da Krieg ist, wie soll das gehen? Deswegen sehen sie die Schleuser als Befreier an.

Und die zweite Maßnahme?

Die Flüchtlinge aufnehmen, sofern sie nachweisen können, dass sie aus einem vom Krieg betroffenen Gebiet kommen. Das würde es uns erlauben, die Leute, die kommen, vernünftig zu filtern und wirklich diejenigen aufzunehmen, die vor einer ausweglosen Situation geflohen sind.

Was haben Sie von den Flüchtlingen gelernt, die Sie begleitet haben?

Während der Reise habe ich großartige Männer und Frauen kennengelernt, die mich gelehrt haben, was Freundschaft, Ehre und Würde ist. Sicher, es sind sehr viele Flüchtlinge und nicht alle sind gute Menschen. Aber ich habe bewundernswerte Menschen kennengelernt, ich habe gesehen, wie viel Kraft und Hoffnung sie haben. Und wie viel Mut, ihr Leben zu riskieren, um ihre Familie, ihre Lieben zu retten. Sie riskieren alles für das Liebste, das sie haben. Ich werde das nie vergessen.

von Andrea Avveduto

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