SO KANN DAS LEBEN AUFBLÜHEN / DIE „CARITATIVA“

CL    , ,  ·  27.Sep 2018  ·  0 kommentar  ·  von Redaktion

Gespräch mit Don Julián Carrón

Aufzeichnungen von einem Gespräch mit einer Gruppe Studenten, die sich bei der „Caritativa“ engagieren (Mailand, 12. März 2018)

Julián Carrón. Wie besprochen, beschäftigen wir uns heute mit der Caritativa. Die Zeugnisse, die uns zugesandt wurden, zeigen, dass es sich dabei um ein Tun handelt, das viele von euch aufblühen lässt. Manche bringen die Erfahrung, die sie machen, so intensiv zum Ausdruck, dass es für alle nützlich sein kann.

 Anna. Meine Caritativa besteht darin, einmal in der Woche in der Früh zu den Obdachlosen zu gehen, um ihnen ein Frühstück zu servieren. Ich merke, dass mich das immer verändert. Nie gehe ich von dort so weg, wie ich hingegangen bin. In diesem Zusammenhang ist für mich der Text Der Sinn der Caritativa von Luigi Giussani, den wir immer vor Beginn unserer Tätigkeit lesen, ein grundlegendes Instrument. Denn er beschreibt das sehr gut, was in dieser Stunde geschieht. Außerdem habe ich festgestellt, dass ich bei der Caritativa ganz in der Gegenwart lebe, wie sonst nur selten während der Woche. Wenn ich dort bin, um das Frühstück zu servieren, bin ich ganz auf das konzentriert, auf die Bedürfnisse, die es dort gibt, ob ich nun Zucker bringe oder die Teller abspüle. Dadurch, dass ich so präsent bin, genieße ich alles viel mehr und bin viel aufmerksamer. Ich liebe alles mehr, bin verfügbarer und stelle fest, dass mir das unglaublich entspricht. An jenem Ort lebe ich die „verifizierbare“ Andersartigkeit, von der der Text spricht, den wir gerade im Seminar der Gemeinschaft lesen. Zur Caritativa zu gehen hilft mir, die Bedürfnisse aller Menschen, denen ich begegne, stärker wahrzunehmen. Eines Morgens brachte ein Obdachloser einen Ausschnitt aus einer Zeitung mit dem Foto eines Mädchens mit und schenkte ihn mir. Seiner Meinung nach sehe sie mir ähnlich. Ich war ganz gerührt, weil ich das gleiche auch in meiner Beziehung zu Christus mache: In allem, was ich tue, in allen Gesichtern, denen ich begegne, suche ich nach den Zügen Desjenigen, der mich liebt und mir alles schenkt. Denn dieses Gut brauche ich.

 Carrón. Dass jemand an einem bestimmten Gestus teilnimmt und sagen kann: „Nie gehe ich von dort so weg, wie ich hingegangen bin“, ist überraschend. Wer würde nicht gerne an einem Gestus teilnehmen, durch den so etwas geschehen kann, der die Weise verändern kann, wie wir uns selber sehen, wie wir leben? Als Don Giussani uns – zur Erziehung unserer selbst – einlud, die Caritativa zu machen, wies er damit einen Weg, durch den das geschehen kann, was unsere Freundin berichtet hat: dass wir immer präsenter werden, was wir uns ja alle wünschen, dass wir nicht die Umstände ertragen in der Hoffnung, dass sie sich ändern, bevor wir beginnen können zu leben, wie wir es leider oft machen. Durch die Teilnahme an der Caritativa, so sagte unsere Freundin, „genieße ich alles viel mehr und bin viel aufmerksamer“ für alles, was geschieht.

Ich lese nun ein paar Abschnitte aus dem Beitrag einer jungen Frau vor, die nicht kommen konnte, weil sie zu weit weg wohnt.

 Chiara schreibt: „Ich studiere Erziehungswissenschaften in Catania. Ich mache bereits seit sieben Jahren dieselbe Caritativa, also seit ich die Bewegung kennengelernt habe im Gymnasium. Eigentlich war es sogar die Caritativa, die mir gezeigt hat, was und wie schön das ist, dem ich begegnet bin. Die Caritativa hat mein ganzes Leben und meine Entscheidungen gewissermaßen ‚monopolisiert‘, angefangen von der Wahl des Studienfachs. Ich wünschte mir nämlich, dass das Neue in den Beziehungen mit anderen auch im Zentrum meiner Arbeit stünde. Vor kurzem habe ich den wahren Wert der Caritativa entdeckt, paradoxerweise durch die Wahlen, insbesondere durch eine Diskussion mit einem meiner Brüder. Er warf mir vor, ich sei nutzlos für die Gesellschaft, weil ich mich bei der Wahl für keine Partei entscheiden konnte. Nachdem ich den Schlag einkassiert hatte, beschuldigte ich ihn, quasi zur Verteidigung, er mache es sich auf der Couch bequem und delegiere alle Probleme an andere. Am Ende tat es mir aber leid, dass ich ihn beschimpft hatte. Denn im Grunde ist die Dynamik bei ihm ja zutiefst menschlich: Niemand bewegt sich, wenn er nicht ein ganz persönliches Interesse hat. Eigentlich bewege auch ich mich nicht, außer es hat einen materiellen oder spirituellen Vorteil. Sich für einen anderen einzusetzen, ist nur denkbar, wenn man erkennt, dass der andere ein Gut ist. In dieser Hinsicht war die Caritativa für mich in den letzten Jahren die größte ‚Schule der Politik‘, wenn man es so nennen kann. Nicht nur, weil sie auf eine Not antwortet, sondern weil ich von den Menschen, denen ich dort begegnet bin, mehr zurückerhalten habe, als ich ihnen gegeben habe. So habe ich entdeckt, dass andere ein Gut sind für mein Leben.“

In der Diskussion mit dem Bruder erkannt man die beiden Arten, Politik zu verstehen: Entweder es geht nur darum, sich für eine Partei zu entscheiden, oder es geht um das Interesse für die polis, das Gemeinwohl, um ein Interesse für die Not anderer. Der Bruder beschuldigt sie, sich für kein Lager entschieden zu haben, und sie antwortet ihm mit einer anderen Vorstellung von Politik. Er wählt eine Partei, aber aus der Ferne! Das sind zwei verschiedene Haltungen der Politik gegenüber. Die Frage ist daher, was bringt einen dazu, sich aus dem Sessel zu erheben und selber auf die Not anderer zu reagieren? Man muss, wie es Chiara bezeugt, an etwas teilnehmen, das eine echte „Schule der Politik“ ist, also sich für die polis, das Gemeinwohl, andere und ihre Not interessieren. Um diese Erziehung geht es uns, wenn wir die Caritativa üben.

Tommaso. In den letzten Jahren habe ich entdeckt, dass die Caritativa nicht etwas ist, das vom Rest meines Lebens getrennt wäre, sondern sie durchdringt jeden Aspekt bis ins Letzte. Als ich damit begonnen habe, war ich noch im Gymnasium. Dort gab es eine Lehrerin, die uns jedes Mal daran erinnert hat, dass wir dahin gehen, um zu lernen, wie Jesus zu lieben. Ein Jahr lang hörte ich diesen Satz, ohne seine Bedeutung zu verstehen. Ich dachte, es sei eine dieser typischen Phrasen. Bis ich mich, wie das Leben so spielt, in der Situation wiederfand, dass ich mich in ein Mädchen verliebte, das mich schlecht behandelte. Ich wusste nicht, wie ich sie lieben konnte, da sie mich auf verschiedene Weise von sich fernhielt. Ab da war mir klar, was dieser Satz besagen sollte. Wenn ich zur Caritativa gehe, befinde ich mich unter Leuten, die mich vielleicht nicht ausstehen können, oder die ich selber nicht ausstehen kann. Nicht ich entscheide ja, wem ich an diesem Nachmittag Nachhilfe gebe. Ich kann nur entscheiden, ob ich bleibe oder nicht. Ein Beispiel macht vielleicht deutlich, warum ich sage, dass die Caritativa jeden Aspekt meines Lebens durchdringt. Es betrifft die vergangene Prüfungsphase. Ich habe mit einem Freund gelernt, auch wenn ich nicht allzu gerne mit anderen lerne, vor allem wenn mir das Wasser bis zum Hals steht, da ich dadurch Zeit verliere. Vor einem Jahr hätte ich sicher irgendwann Ausreden gesucht, um mich herauszuziehen und mehr Zeit zu haben, alleine zu lernen. Dieses Mal habe ich aber bis zum Schluss durchgehalten, nicht immer leichten Herzens, weil mir tatsächlich das Wasser bis zum Hals stand. Und ich habe mich gefragt, warum das so war. Die Antwort war offensichtlich für mich. Seit zwei Jahren ist die Caritativa für mich nicht nur ein „in sich“ schöner Gestus. Jede Woche befinde ich mich bei der Nachmittagsbetreuung des Martinengo in der Situation, Jugendliche zum Lernen zu bringen, die überhaupt keine Lust dazu haben. Sie haben auch keine Lust, Zeit mit mir zu verbringen. Nicht immer entsteht eine Beziehung. Mit einigen schon, aber meistens erst nach vielen Anläufen und vielen Monaten. Ich kann dort aber nicht ausweichen. Ich bin „gezwungen“, mich mit ihnen zu beschäftigen, mich neu zu erfinden und neue Weisen zu finden, mich ihnen und ihren Bedürfnissen zu nähern. Daher ist die Caritativa für mich eine Schule, in der ich eine neue Art lerne, alles anzugehen, auch das Lernen. Ich bin sogar erfolgreicher geworden. Diese „Schule“ erlaubt es mir, die Beziehungen mit allen Menschen, von meiner Familie bis zu dem unsympathischsten Kommilitonen, aufrichtiger zu leben. Ich stelle fest, dass ich so leben will. Was mir das klar gemacht hat, waren zwei Faktoren: Einerseits meine Lebenserfahrung und die Auseinandersetzung mit anderen, die schon weiter sind auf diesem Weg als ich (anfangs die Lehrerin, von der ich erzählt habe, jetzt andere Leute). Andererseits waren zwei weitere Dinge wichtig: das Büchlein Der Sinn der Caritativa, ein unerlässlicher Leitfaden, und dass ich der Caritativa treu geblieben bin, aus Treue zu dem, der mir die Caritativa vorschlägt, und auch aus Interesse für diesen Vorschlag.

 Carrón. Warum nennst du gerade diese beiden Dinge? Wie hast du den Wert des Büchleins für deine Tätigkeit entdeckt?

 Tommaso. Ziemlich lange habe ich fast nichts verstanden. Die ersten Male schien es mir nur eine typische CL-Sache zu sein, etwas Formales. Nach und nach habe ich gemerkt, dass das, was in dem Büchlein steht, wahr ist. Die Erfahrung, die ich machte, hätte man nicht besser auszudrücken können.

 Carrón. Und die Treue? Was hat die Treue für dich bedeutet?

 Tommaso. Nur dadurch, dass ich jedes Mal hingegangen bin, ohne mir jemals eine Ausrede zu erlauben, hat sich zum Beispiel etwas daran verändert, wie ich mich in der Familie verhalte.

 Carrón. Schauen wir auf das, was uns Tommaso bezeugt. Wer würde nicht gerne so etwas tun, das sich, wie er gesagt hat, auf jeden Aspekt seines Lebens auswirkt, das alles durchdringt und wirklich aufblühen lässt? Das ist keine Tätigkeit, die mit dem Rest nichts zu tun hätte, sondern etwas, was alle anderen Aspekte des Lebens mit Licht erfüllt. Wenn einem so etwas geschieht, dann ist das für uns alle gut. Unter zwei Bedingungen: Erstens ist es wichtig, dass man die Caritativa nicht, wie es heute oft geschieht, einfach als Antwort auf eine Not versteht, so als sei man bei einer NGO, sondern dass man sie in der Haltung lebt, die vorgeschlagen wird. Jeder muss das Schritt für Schritt entdecken, wie Tommaso es durch das Büchlein Der Sinn der Caritativa entdeckt hat. Viele Menschen sind heute ehrenamtlich tätig, aber wie viele von denen können sagen, dass das ihr ganzes Leben durchdringt? Das ist nicht zweitrangig, versteht ihr? Daher wollte Don Giussani, dass jemand dieses Tun anleitet, wie es Tommaso von der Lehrerin berichtet hat. Es kann sein, dass man eine bestimmte Zeit lang (wie es bei ihm war) nicht versteht, warum. Zum Beispiel, warum die Lehrerin es anleitet, oder warum wir so darauf bestehen, dass man dieser Empfehlung Don Giussanis treu bleibt. Aber mit der Zeit, wenn jemand treu ist – das ist die zweite Bedingung –, versteht und entdeckt er die ganze Tragweite seines Tuns. Wir müssen uns daher, wie es Tommaso getan hat, die notwendige Zeit geben (darin besteht die Treue), damit die ganze Verheißung hervortreten kann, die ein Gestus wie die Caritativa in sich trägt. Wenn wir stattdessen alles mit großer Eile leben, wenn wir lieber etwas Mechanisches hätten (wir werfen eine Münze in den Getränkeautomaten und die Büchse Cola fällt runter), dann verpassen wir das Wichtigste, das heißt, wir machen keine Erfahrung. Wir müssen uns die Zeit geben, bis die Caritativa, die wir übernommen haben, ihre ganze Kraft zur Veränderung und ihre Wirkung auf unser Leben zeigt. Bei der Teilnehme an diesem Gestus ist es wichtig, dass man die beiden genannten Faktoren nicht vergisst: ihn so zu leben, wie ihn Don Giussani angelegt hat, weil er sonst nicht das bewirkt, wovon wir sprechen, und die Treue.

Ich lese einen anderen Beitrag, der uns aus Reggio Calabria gesandt wurde.

Santina schreibt: „Vor ein paar Jahren hat mich ein Freund gebeten, Caritativa als Katechetin zu machen. Ich habe sofort ja gesagt, weil ich ihm vertraute. Mit der Zeit aber musste ich selbst die Gründe finden für mein Ja, vor allem um weiter dort zu bleiben. Nach all diesen Jahren ist mir klar geworden, dass die Caritativa vor allem mir selber dient, und ich habe gemerkt, dass ich mich verändert habe …“

Es ist interessant, dass ihr alle das betont: Einen „Vorteil“ von der Caritativa hat zunächst der, der sie übt. Es gibt nicht nur jemanden, der dir mit seiner Autorität sagt: Tu das, sondern du hast in deiner eigenen Erfahrung die Möglichkeit festzustellen, ob das, was er dir sagt, wahr ist. Es erstaunt mich immer, dass Jesus den Aufruf, ihm zu folgen, mit dem Hundertfachen verbindet: Folge mir nach, wenn du leben willst. Folge mir nach und du wirst hier das Hundertfache erhalten. Er sagt nicht: Folge mir nach, weil ich es sage, sondern: Folge mir nach, weil ich dir etwas verspreche, das du, indem du mir nachfolgst, in deinem Leben dann verifizieren kannst. Und was? Das Hundertfache, eine Veränderung, die in dir geschehen wird. Das Hundertfache ist nicht der Erfolg, den ich vielleicht bei der Caritativa habe. Manchmal, wenn jemand mit kranken oder behinderten Menschen arbeitet, sieht man keinen Erfolg im üblichen Sinne. Der eigentliche Erfolg ist das Wachstum des Ichs, das du bei dir entdeckst, und ein hundertmal intensiveres Leben, in den Beziehungen, im Studium, in der Art, wie du auf die Wirklichkeit zugehst.

 Santina schreibt weiter: „Es gab eine Veränderung bei mir, die ich nicht für möglich gehalten hätte.“

Es ist eine Veränderung bei ihr eingetreten, die sie vorher nicht für möglich gehalten hätte. Achtung: Diese Veränderung, dieses Hundertfache sieht man nicht, wenn man sich engagiert. Man sieht es nur, wenn man Christus folgt. Wenn sie sagen würde: „Nein, ich will es zuerst sehen“, dann sähe sie es nie. Denn es handelt sich um etwas, das sie in der Erfahrung verifizieren muss. Unsere Freundin schreibt weiter: „Wenn ich darauf schaue, wie ich früher war und wie ich heute bin, kann ich nur staunen. Früher sah ich nur zu, delegierte an andere, wollte keine Verantwortung. Jetzt bin ich eine Protagonistin und alles hat sich verändert in meinem Leben. Denn dadurch, dass ich angepackt und dem Vorschlag zugestimmt habe, konnte ich feststellen, dass nicht alles von meinem Können oder meiner Performance abhängt. Durch mein Ja ist da Jemand, Der vor allem mich verändert, aber auch alles andere, und Der bewirkt, dass ich nichts verliere. Wer bist Du, der Du mich immer suchst und mich wachsen lässt und meiner nie müde wirst? Ich bin dankbar für das alles, weil ich eingesehen habe, dass ich nicht bei dem stehenbleiben soll, was ich im Sinn habe, vor allem in den Momenten, in denen es schwierig wird und ich denke, ich schaffe es nicht. Denn dahinter ist immer Jemand, der durch mein Ja kommt, um mich zu ergreifen, und alles verändert.“

Wenn wir so ein Zeugnis hören, kommt bei uns doch unweigerlich Neugier auf, Lust, das auch zu erleben, festzustellen, wie das Leben sich verändert, wenn man jemandem nachfolgt. Für unsere Kultur ist es, wie Don Giussani sagt, unvorstellbar geworden, dass mein Leben sich verändert, dass ich etwas einsehen und mich verändern kann, indem ich jemandem nachfolge. Diese junge Frau aber bestätigt genau das: dass sie sich verändert, indem sie jemandem nachfolgt, dass sie zur Protagonistin ihrer Tage wird und besser versteht, was das Leben eigentlich ist. Wer diese Möglichkeit nicht verpassen will, möge sich entscheiden.

Federica. Seit drei Jahren gehe ich zur Caritativa nach Precotto, ein Stadtviertel von Mailand. Wir geben den Schülern der Mittelstufe Nachhilfe. Im ersten Jahr, das gebe ich zu, war es für mich ein sehr oberflächlicher Gestus. Ich ging eigentlich nur hin, um Kommilitonen kennenzulernen, da ich gerade erst an der Katholischen Universität angefangen hatte. Meine Haltung gegenüber der Caritativa hat sich verändert, als mich eine Freundin bat, ihre Aufgabe als Ansprechpartner für den neuen Turnus zu übernehmen und die Studienanfänger einzuladen, gemeinsam die Caritativa zu beginnen. Das hat mich „gezwungen“, diesen Gestus selber ernst zu nehmen. Sonst hätte ich es niemandem vorschlagen können. Don Pino hatte uns einmal gesagt, die Caritativa sei vielleicht der erzieherischste Gestus von allen. Mit ihr sei es wie mit einem Ferrari: Wenn ich einen Ferrari will, dann will ich einen schönen, vollständigen, und nicht einen ohne Außenspiegel oder mit einem kaputten Fenster. Die Caritativa wird einem als vollständiger Gestus vorgeschlagen, man wählt nicht diesen oder jenen Aspekt aus. Man kommt pünktlich und lässt sie nicht ausfallen. Denn wenn man gar nicht hingeht oder nur wenn man Lust hat, dann strickt man sich die Caritativa nach seinem Belieben und könnte es auch lassen, um keine Zeit zu verschwenden. Ich habe ihm vertraut und mich bemüht, den Vorschlag ernst zu nehmen. Nun, nach drei Jahren, beginne ich langsam festzustellen, welche Bedeutung dieser Gestus hat. Das habe ich besonders im vergangenen Semester bemerkt. Alle Prüfungen, die ich hatte, waren mittwochs, und am Dienstagnachmittag habe ich immer Caritativa. Jede Woche wieder war es für mich nicht selbstverständlich, den Lern-Nachmittag vor der Prüfung zu „verschwenden“, vor allem in einer Zeit, in der die Caritativa ein bisschen mühsam war. Ich hatte keine Lust hinzugehen, und die Schüler, die ich hatte, verstanden wenig. Ich sprach darüber mit meiner Freundin Sofia. Beide wollten wir eigentlich die Caritativa ausfallen lassen, um für die Prüfung am folgenden Tag zu lernen. Aber nach und nach verlagerte sich unser Gespräch auf die eigentliche Frage: Worum geht es uns im Leben? Geht es darum, dass wir selber über unsere Zeit entscheiden? Und ist die einzige Perspektive, die wir an diesem Tag haben, zu lernen, um bei der Prüfung gut abzuschneiden? Oder geht es uns um etwas anderes? Warum haben wir uns entschieden, in diesem Jahr Caritativa zu machen? Was entdecken wir dabei, auch wenn es mühsam ist teilzunehmen und dem Vorschlag treu zu bleiben? Die Frage hatte sich von: „Was machen wir? Was ist besser für das Studium?“ verschoben zu: „Worum geht es mir heute wirklich? Was kann ich bei der Caritativa entdecken?“ Am Schluss hatten wir beide keine Zweifel mehr. Nicht weil es moralisch richtig gewesen wäre, zur Caritativa zu gehen („Die Caritativa lässt man nicht ausfallen“), sondern weil sie für uns vor allem bedeutet, uns neu die Frage zu stellen, worum es uns wirklich geht im Leben. Ich vergesse das jeden Tag. Das Büchlein Der Sinn der Caritativa hat es uns ausgerechnet an jenem Dienstag neu vor Augen gestellt und ins Herz geschrieben. Denn in einem kurzen Abschnitt mit dem Titel „Die Bedeutung II“ ist zu lesen: „Es ist die Entdeckung, dass gerade weil er sie liebt, nicht er selbst es ist, der sie glücklich macht. Es ist die Einsicht, dass selbst die perfekteste Gesellschaft, der gesetzlich gefestigste und umsichtigste Staat, der größte Reichtum, die blühendste Gesundheit, die reinste Schönheit und die gebildetste Zivilisation nicht in der Lage sind, den anderen jemals glücklich zu machen. Es ist ein Anderer, der den anderen glücklich machen kann: Gott, der Grund und der Schöpfer aller Dinge. Jesus Christus ist dann nicht mehr bloß derjenige, der mir das wahrste Wort verkündet, der mir die Gesetze meines Daseins erklärt, er ist nicht mehr nur das Licht, das meinen Geist erhellt. Ich erkenne, dass Christus der Sinn meines Lebens ist. Es ist großartig, das Zeugnis eines Menschen zu hören, der diesen Wert erfahren hat: ‚Ich mache weiterhin Caritativa, weil alle meine Leiden und alle ihre Leiden einen Sinn haben.‘ Denn wenn man auf Christus hofft, hat alles einen Sinn: Christus selbst. Diese Entdeckung aber macht man genau an dem Ort, wo man Caritativa übt, und zwar gerade durch die letzte Ohnmacht der eigenen Liebe hindurch. Und dies ist die Erfahrung, in der unsere Intelligenz einmündet in die Weisheit, in die wahre Kultur.“

Als wir nach Hause kamen, machten Sofia und ich uns dann daran zu lernen, bis spät in den Abend, ohne eine Sekunde zu vergeuden. Abgesehen davon, dass die Prüfung gut gelaufen ist, war ich überglücklich darüber, wie ich gelernt hatte. Und wenn ich darüber nachdenke, wächst meine Zuneigung zur Caritativa immer mehr, weil ich sehe, dass sie eine enge Verbindung mit meinem Leben hat, mit den anderen Tagen der Woche. Sie hilft mir, meine Zeit einzuteilen, das Lernen zu organisieren, lässt mich entdecken, dass die Zeit im Grunde nicht mir gehört und dass mein Studium nicht deshalb besser läuft, weil ich andere Dinge aus meinem Leben streiche. Im Gegenteil, gerade wenn ich mich bei bestimmten Dingen einbringe, kann ich mich wieder zum Lernen hinsetzen mit einer neuen Perspektive, die nicht nur darin besteht, die Prüfung zu schaffen. Was interessiert mich wirklich? Zu entdecken, dass Christus der Sinn meines Lebens ist, festzustellen, ob das nicht nur bei der Caritativa wahr ist, sondern auch in der Beziehung zu meinen Eltern, bei den Prüfungen, mit meinem Freund oder in meiner WG. Wenn ich in die Caritativa gehe, lerne ich nach und nach, den anderen zu lieben, weil es ihn gibt. Nicht weil er meine Stimmung hebt oder weil er sympathisch ist oder weil er die Aufgaben gut macht, sondern weil es ihn gibt. Und das ist etwas, was ich mir wirklich in der Beziehung mit allen Menschen wünsche. Sie scheint mir zu wichtig für mein Wachsen, als dass ich die Caritativa ausfallen lassen würde, auch wenn es am Tag vor der Prüfung ist. Ich habe immer noch nicht alles verstanden, aber ich habe viele kleine Ahnungen, Antworten und neue Fragen, die mich auf diesen Ort setzen lassen.

 Carrón. Jeder bietet uns hier wichtige Elemente. Federica unterstreicht einen grundlegenden Aspekt, nämlich die Vollständigkeit des Gestus: „Man wählt nicht diesen oder jenen Aspekt aus. Man kommt pünktlich und lässt sie nicht ausfallen.“ Das bekräftigt noch einmal auf andere Art die beiden Faktoren, von denen wir vorhin gesprochen haben: dass man sich auf den Vorschlag einlassen muss, so wie er uns gemacht wird, und die Treue. Die Caritativa kann nur dann unser Leben verändern, wenn wir sie so leben, wie sie uns vorgeschlagen wird. Federica beginnt schon festzustellen, wie sie gesagt hat, dass dieser Gestus wichtiger ist als andere, um alles andere zu verändern. Es ist interessant, wie die Aufforderung zur Treue sie gezwungen hat, sich zu fragen: Worum geht es mir im Leben? Diese Frage wird immer auftauchen in bestimmten Momenten, zum Beispiel vor einer Prüfung, die sie am nächsten Tag hat. Das Leben selbst erspart sie ihr nicht. Die Treue ist entscheidend, weil sei einen, ob man will oder nicht, zwingt, sich Fragen zu stellen und sich zu entscheiden. Interessant ist dann festzustellen, ob die Teilnahme an der Caritativa das Studium behindert, oder ob sie nicht die Sehnsucht, etwas zu lernen und seine Zeit zu nutzen, vergrößert. Sonst spiele ich den braven Christen, aber ich lerne nicht, ich lasse es einfach. Nein, Federica hat entdeckt, dass die Caritativa in enger Verbindung mit ihrem Leben steht, und sieht daher einen Zusammenhang zwischen der Caritativa und dem Studium. Sie merkt, dass die Caritativa sich nicht nachteilig auf das Lernen auswirkt, sondern ihr sogar hilft, es anders anzugehen und die Zeit zu nutzen, wie sie es sich vorher nicht einmal erträumt hätte.

Anna. Ich gehe in Bresso zur Caritativa, wo es eine Nachmittagsbetreuung für Kinder und Jugendliche aller Klassenstufen gibt. Zwei Ereignisse aus den vergangenen Monaten möchte ich gerne erzählen. Das erste ist an einem Tag passiert, an dem ich mit drei Grundschulkindern lernte. Einer von ihnen ist Chinese. Er war sehr träge und antwortete mir nicht. Ich konnte ihm auf keinerlei Weise ein Wort entlocken. Als er mir dann doch antwortete, sagte er einfach irgendetwas. Ich wurde nervös und versuchte es mit verschiedenen Strategien. Aber ich fand keinen Aufhänger, um ihn dazu zu bringen, seine Hausaufgaben zu machen. Ich stand wie vor einer Mauer. Die anderen beiden Kinder machten derweil ihre Aufgaben alleine und fragten mich tausend Dinge. Sie stellten auch viele Fragen aus reiner Neugier. Irgendwann war ich sehr erschöpft. Angesichts meiner offensichtlichen Ohnmacht dem Chinesen gegenüber dachte ich: „Wie sehr wünschte ich mir, dass die Wirklichkeit dich erobert, dass du die gleiche Freude an den Dingen hast wie die beiden anderen!“ Ich war mir sicher, dass nicht ich ihn überzeugen könnte, sondern dass etwas anderes geschehen müsste. Das einzige, was ich tun konnte, war, mich um die anderen beiden zu kümmern, die nach mir riefen. Ich beschäftigte mich also mit den anderen beiden, ohne mich weiter um ihn zu kümmern. Nach einer Weile fragte er mich: „Stimmt es so?“, und zeigte mir ein Blatt, auf dem er die Übung gemacht hatte. Von da an haben wir die Aufgaben wieder zusammen gemacht. Mich hat das sehr bewegt, aus zwei Gründen: Erstens, weil dieser ehrliche Wunsch, dass ein anderer durch die Wirklichkeit erobert wird, neu war für mich. Am Ende des Tages dachte ich: Komisch, bis heute war dieses Kind niemand für mich. Ich wusste nicht einmal, dass es ihn gibt. Aber einen Augenblick lang habe ich mir sein Glück gewünscht. Ich fragte mich: War das nicht nur ein natürlicher Impuls? Ich glaube, nein. Denn viel öfter überwiegt die Gereiztheit statt eines solchen Wunsches. Was war es also, was diesen Wunsch in mir aufkommen ließ? Der zweite Grund ist, dass irgendetwas geschehen sein muss (ich weiß nicht einmal was), das ihn wieder aufgeweckt hat, ohne dass ich etwas dazu getan hätte. Bei unseren Exerzitien im November hast du gesagt: „Die Macht der Wirklichkeit beeindruckt uns, wenn wir sie zum Herzen sprechen lassen. [] Das ist beeindruckend! Wie kann die Wirklichkeit doch unseren Alltag über den Haufen werfen.“ Das zweite, was ich erzählen möchte, geschah einige Zeit danach. An einem Nachmittag hatte ich drei Kinder, die anfangs total brav waren. Das war mir noch nie passiert. Ich saß dort bei den dreien und schaute zu, wie sie still ihre Aufgaben machten. Da fühlte ich mich nutzlos und fragte mich: Wozu bin ich eigentlich hier? Und gleich danach kam mir die Frage: Kann allein die Tatsache, dass ich hier bin, dass es mich gibt, einen Wert haben? Das einzige, was ich ihnen in diesem Moment gebe, ist, dass ich hier bei ihnen bin. Mir kam die Stelle im Sinn der Caritativa in den Sinn, wo es heißt: „Es ist das alles umfassende Gesetz unseres Daseins, am Leben der anderen Anteil zu nehmen und andere am eigenen Leben teilhaben zu lassen.“ Das passierte mir gerade. Ich spürte, dass auch mein schlichtes Dasein nützlich sein konnte, nicht weil ich etwas tat, sondern weil ich ihr Sein teilte, weil ich mich zu ihnen gesellte. Was ich bei diesen beiden Episoden festgestellt habe, ist, dass ich bei der Caritativa mehr entdecke, wer ich selber bin. Es passiert mir immer öfter, dass ich angesichts der Dinge, die geschehen – der Beziehungen mit Freunden, dem Studium, der Beziehung zu meinen Eltern, meinen Schwestern, meinen Kollegen –, mich dabei überrasche zu denken: Ich muss wieder zur Caritativa gehen. Je mehr ich die Verheißung sehe, die es dort gibt, je mehr ich also feststelle, wie sich etwas in mir verändert, um so mehr merke ich, wie sehr ich diesen Gestus brauche für mein Leben.

 Carrón. Es ist beeindruckend: Bei all der Mühe, die sie beschrieben hat, hat Anna, gerade aufgrund dessen, was bei ihr geschieht, Lust bekommen, weiter die Caritativa zu machen. Wenn wir nicht auf diese Ebene kommen, werden wir früher oder später nicht mehr hingehen. Dann ist es nur eine Frage der Zeit.

Margherita. Auch ich mache Caritativa im Martinengo. Ich helfe den Kindern beim Lernen. Vor einiger Zeit hatte ich Probleme mit einem Mädchen. Daher habe ich kurz vorher das Gespräch mit einer der Schwestern gesucht, die den Gestus leiten. Und sie hat mir gesagt: „Wie auch immer, du weißt nicht wie, aber sie ist für dich da, und du bist für sie da.“ Das hat neues Licht auf mein Hingehen geworfen. In den Wochen danach ist mir, angesichts der gleichen Mädchen und mit der Hypothese im Sinn, dass sie für mich da sind und ich für sie, klar geworden: Sie gehören nicht mir und ich bin nicht dort, um sie zu beherrschen. Sie brauchen auch nicht das, von dem ich denke, dass sie es brauchen. Aber sie sind für mich da. Das gleiche gilt auch für die Studentinnen, mit denen ich zusammenwohne, oder für meine Freunde, oder für die Leute, die ich in der Universität treffe: Sie gehören nicht mir und ich kann sie nicht beherrschen. Die Bedürfnisse der anderen, die ich oft nicht einmal kenne, nehme ich immer mehr als einen Weg für mich wahr.

 Carrón. Wir sehen, wie wichtig es für alle anderen Beziehungen (mit dem Freund, der Freundin, Freunden, anderen Menschen) ist, diese Dinge durch die Teilnahme an einem so einfachen Gestus zu entdecken. Wenn du nicht verstehst, was der andere, der Freund oder die Freundin braucht, und meinst, du seiest die Antwort, dann beginnt die Tragödie. Das scheint nicht viel zu sein, aber es würde sich schon lohnen, zur Caritativa zu gehen, nur um das zu lernen. 99 Prozent der Streitigkeiten entstehen daraus, dass man nicht verstanden hat: Vorwürfe an den anderen, dass er dir nicht das gibt, was er dir nicht geben kann, weil du ein unendlich viel größeres Bedürfnis hast als ihn oder sie. Der andere ist wie ein Tropfen, der das Glas nie füllen kann. Und das entdeckt man nicht dadurch, dass man richtige Sätze wiederholt, sondern indem man ein ums andere Mal auf das Bedürfnis des anderen stößt und dann beginnt, den anderen mit seinem wahren Bedürfnis wahrzunehmen und so auch seine eigenen Bedürfnisse. Wie wäre doch alles menschlicher, wenn wir diese Dinge wirklich verstehen würden!

 

Die Caritativa in den Armenvierteln Mailands in den 60er Jahren

Paolo. Die Ungeschuldetheit in den Beziehungen ist vielleicht das Größte, was ich durch die Teilnahme an der Caritativa gelernt habe. An einem Nachmittag half ich einem Mädchen mit den Hausaufgaben, mit der ich schon seit einiger Zeit zu tun hatte und der ich auch sympathisch war. An diesem Tag wollte sie aber nichts machen. Ich habe versucht, sie zu motivieren: Komm, du schaffst es. Aber es nützte nichts. Also habe ich Plan B versucht: Ich brachte sie zu der Schwester, was normalerweise funktioniert. Nichts. Ich stand vor zwei Möglichkeiten: weiter auf dem zu bestehen, was ich im Sinn hatte, also zu glauben, ich wüsste, was für sie gut ist und was sie braucht. Oder den Punkt, an dem sie gerade steht, zu lieben. Diese Alternative war für mich auch in anderen Beziehungen grundlegend. Ich war seit zwei Jahren mit meiner Freundin zusammen. Während meine Zuneigung zur Bewegung wuchs, begann sie sich abzulösen und ließ schließlich alles sein: die Bewegung, die Kirche, und so weiter. Für mich war das sehr anstrengend und auch schmerzhaft. Zunächst versuchte ich, sie zu drängen: „Komm mit zum Seminar der Gemeinschaft, ich weiß, dass du das brauchst.“ So ging das zwei Monate, aber sie fühlte sich nicht ernstgenommen. Ich selbst spürte auch, dass etwas nicht stimmte. Einmal nahm ich sie mit zu einem Seminar, das für mich wunderschön war. Aber sie war traurig, als ich sie nach Hause brachte. Da stand ich wieder vor dieser Alternative. Und ich habe ihr gesagt: „Bitte komm zu keiner dieser Veranstaltungen mehr, nur weil ich es will!“ Ich begann den Punkt des Weges zu lieben, an dem sie stand. Das hat alles verändert, und wer weiß, was aus unserer Beziehung geworden wäre, wenn es diesen Schritt nicht gegeben hätte. Das ist die schönste Art, wie ich andere anschauen kann, und ich kann es nur, weil auch ich das erfahre in meinem Leben. Wenn im Sinn der Caritativa steht: „So üben wir die ,Caritativa‘, um zu lernen, so zu leben wie Jesus Christus“, dann ist das nicht deshalb möglich, weil einer sich wie Gott auf Erden fühlt, sondern weil ich jenen Blick der Liebe auf mir selber spüre. Wie bei dem Gefangenen und den Gefängniswächtern, von denen du uns erzählt hast. Ich erfahre diesen Blick an mir. Und das ist das Wichtigste, was ich weitergeben möchte, zuallererst meiner Freundin. Und die Treue, von der vorhin die Rede war, ist notwendig. Denn es ist nicht so, dass man etwas ein für alle Mal verstanden hat. Ich muss immer wieder zu diesem Blick erzogen werden.

Carrón. Dieser Zusammenhang, den Paolo herstellt, ist sehr schön. Er ist der Beleg für das, was ich vorhin gesagt habe. Wenn jemand mit der Haltung im Leben steht, dass er schon alles weiß („Ich weiß schon, was du brauchst“), und seine Freundin ins Seminar der Gemeinschaft „schleppt“, dann erreicht er nur, dass sie traurig wird. Die Freiheit des anderen zu lieben, den Punkt des Weges, an dem er steht, zu lieben, bedeutet darauf zu warten, dass sich ein Plan erfüllt, der nicht der unsere ist. Ich erinnere mich an eine Episode, die Giussani erzählt hat. Die kann man auf das anwenden, was Paolo berichtet. Man fragte ihn: „Was ist, wenn ich mich in der Logik dieser Kraft der Gegenwart und des Annehmens der Bedürfnisse an einen anderen wende, einen Kommilitonen aus der Universität zum Beispiel, und der mir sagt: ‚Das ist vielleicht dein Bedürfnis, aber nicht meins‘?“ Es ist verblüffend, wie Don Giussani auf bestimmte Provokationen reagiert. Jeder mag sich überlegen, wie er sich verhalten hätte, und seine Antwort mit der von Don Giussani vergleichen. Anstatt zu sagen: Versuch den anderen zu überzeugen, dass er auch dasselbe Bedürfnis hat, antwortet Don Giussani: „Du weißt, was im Herzen des Menschen ist, weil es in dir ist. […] Und du merkst, dass der andere das, was du verstanden hast, nicht versteht, weil er blockiert ist.“ Wie kannst du ihm helfen? Der Ausgangspunkt ist nicht eine Diskussion („Jetzt überzeuge ich dich, dass du es hast“), sondern das Bewusstsein, dass der andere einen Weg gehen muss, wie es auch bei uns war und ist. Daher musst du vor allem, so fährt Don Giussani fort, „den Heiligen Geist bitten, dass er das Angesicht der Erde dieses Menschen hier verändert. Denn das können nicht wir tun!“ Bete also zuerst, dass es dem anderen bewusst wird, und dann „musst du ihn begleiten und nicht immer wieder bearbeiten“ (L’io rinasce in un incontro. 1986-1987, S. 364-366). Genau wie mit Kindern: Man muss es ihnen vorleben. Denn nur wenn man ihnen etwas vorlebt, geschieht etwas, wie ihr gesagt habt. Anna hat vorhin von den drei Kindern erzählt. Zwei waren aufmerksam dabei, die Aufgaben zu machen, und einer nicht. Sie versuchte alles mit ihm, aber erreichte nichts. Sobald sie ihn aber in Frieden gelassen und begonnen hatte, mit den anderen beiden zu arbeiten, bekam auch der dritte, durch das, was er bei den anderen sah, Lust und legte los. Das ist die Methode Gottes. Gott wählt einen aus (die beiden, die beginnen), um den anderen anzuziehen. Daher muss man sich nicht darauf versteifen: Bei ihr muss es so geschehen wie bei mir. Nein. Paolo ist etwas geschenkt worden, damit es auch zu seiner Freundin gelangen kann, aber nach einem Plan, der nicht der seine ist. Irgendwann hat er auch eingesehen: Es geht nicht darum, sie zu bearbeiten, sondern ihr etwas vorzuleben. Das bedeutet, sich mit der Menschlichkeit des anderen vertraut zu machen, die kein Mechanismus ist, den ich manipulieren kann. Der andere bewegt sich nicht, weil ich einen Motor einschalte, wie Paolo sein Motorrad anspringen lässt und losfährt. Die Freundin ist nicht wie das Motorrad. Sie hat einen eigenen Motor, und daher beugt sie sich nicht diesem Drängen. Man muss sie auf andere Weise herausfordern, indem man ihr ein Leben vor Augen stellt. Irgendwann kann dann, nach einem Plan, den wir nicht kennen, der Funke überspringen. Wie in dem Zeugnis, das beim letzten Seminar der Gemeinschaft vorgelesen wurde: Der Ehemann war schon jahrelang in der Bewegung, aber seine Frau wollte nichts davon wissen. Nach 30 Jahren hat sie selber den Antrag auf Aufnahme in die Fraternität gestellt. Ihr Mann hat so lange gewartet, wie es nötig war. Nur Gott liebt die Freiheit so. Nicht, dass es ihm egal wäre: Er schickt seinen Sohn – und dann alle, die Christus erwählt hat, um gegenwärtig zu bleiben in der Geschichte (die Schar der Zeugen) –, um deutlich zu machen, dass es eine Möglichkeit zur Veränderung gibt. Er bleibt nicht außen vor. Er wirkt weiterhin. Er fordert die Menschen weiter heraus, aber in Liebe zu ihrer Freiheit. So leben wir weiter mit den anderen, aber wir wissen nicht, wann sie es merken und zustimmen werden. Es ist daher eine Gnade, dass uns der Gestus angeboten wird, über den wir heute Abend gesprochen haben, der eine solche Macht hat, uns zu verändern, uns erkennen zu lassen, was unsere wahren Bedürfnisse sind (und die der anderen), und der sich auf unser ganzes übriges Leben auswirken kann. Schlagen wir die Caritativa daher weiterhin allen vor, so wie Don Giussani sie konzipiert hat. Man muss sie in ihrer Gesamtheit leben. Wenn jemand nur unregelmäßig hingeht und dann sagt: „Bei mir passiert nichts von dem, was ich heute Abend gehört habe“, dann verstehe ich das. Aber es ist, als würde er sagen: „Ich will, dass das Motorrad ohne Benzin fährt, weil das Benzin etwas kostet.“ Das geht nicht. Die Caritativa muss in ihrer Gesamtheit angenommen werden. Sie hat eine bestimmte Natur, und wenn sie uns in einer bestimmten Weise vorgeschlagen wird, dann weil sie nur so Frucht bringen kann. Was die Autorität, der jeweilige Verantwortliche uns sagt, können wir überprüfen durch das Hundertfache, das es in unser Leben bringt. Es bestätigt, dass wir, wenn wir jemandem folgen, das nicht irrational tun, sondern gute Gründe dafür haben. Die Bestätigung dafür, dass die Nachfolge sinnvoll ist, ist das Hundertfache. Daran sieht man, dass es sich menschlich gesehen lohnt nachzufolgen. Wenn das Hundertfache nicht aufblüht, müssen wir uns fragen: Folge ich denn wirklich? Wir können von der Nachfolge ausgehen, um das Hundertfache zu verifizieren, und vom Hundertfachen, um festzustellen, ob wir wirklich nachfolgen. Wenn ich nicht das Hundertfache erlebe, dann vielleicht, weil ich die Dinge selbst organisiere, weil ich die Caritativa nicht in ihrer Gesamtheit annehme, so wie sie mir vorgeschlagen wird. Wir haben alle in den Zeugnissen heute Abend sehen können, dass das Hundertfache auftaucht, wenn der Gestus so gelebt wird, wie er vorgeschlagen wird. Wenn es bei jemandem nicht geschieht, dann möge er überprüfen, ob er die Caritativa wirklich ernst nimmt.

Dima. Eine letzte Frage, die mit der Natur dieses Gestus zu tun hat. Du hast vorhin gesagt: „Die Caritativa ist kein Ehrenamt.“ Kannst du das kurz erläutern?

 Carrón. Das ist eine Frage, die ich offen lassen möchte. Ich sage aber so viel: Es ist etwas anderes, ob man einfach auf eine Not, ein Bedürfnis antwortet, oder entdecken will, was die Natur dieses Bedürfnisses ist und wer darauf eine Antwort hat. Einer sagt vielleicht: „Ich gehe dorthin, weil ich etwas für andere tun will.“ Das ist gut, bei aller Liebe. Aber es geht darum zu erkennen, worin das Bedürfnis des anderen wirklich besteht und was dessen wahre Natur ist. Geht es nur um ein Frühstück? Wir beginnen immer bei den äußeren Bedürfnissen: das Frühstück, die Nachhilfe, jemanden begleiten, weil er eine bestimmte Behinderung hat, und so weiter. Davon geht man aus. Aber nach und nach kommt, wie wir gesehen haben, die ganze Tiefe des Bedürfnisses zum Vorschein. Und dann wird klar, dass ein ehrenamtliches Engagement alleine keine Antwort sein kann. Denn das Bedürfnis ist unendlich groß im Vergleich zu dem, was ich tun kann. Dann beginnt man zu verstehen, dass es etwas anderes zu lernen gilt. Nämlich das, worin uns Don Giussani durch die Caritativa und den Sinn der Caritativa einführen will, so als wolle er uns sagen: „Es gibt so Vieles zu lernen durch diesen Gestus.“ Wenn wir es auf das reduzieren, auf das es die allgemeine Mentalität reduziert, dann werden wir enttäuscht, wir und die anderen. Denn über kurz oder lang werden die wirklichen Bedürfnisse hochkommen. Und wenn uns durch den Gestus, an dem wir teilnehmen, nicht klar wird, wer eine Antwort auf die wirklichen Bedürfnisse ist, dann werden wir zu Skeptikern oder wir verzweifeln. Jesus hat auf seine Art auf die unmittelbaren Bedürfnisse geantwortet, den Hunger zum Beispiel. Danach hätte er auch eine NGO gründen können. Warum gründet er die Kirche? Weil er weiß, dass diese Menschen ein größeres Bedürfnis haben. Nicht, dass diejenigen, die gespeist wurden durch die Vermehrung der Brote und der Fische, nicht zufrieden gewesen wären. Sie wollten ihn zum König machen. So wenig hatten sie verstanden! Aber weil er die Natur des Menschen kennt, sagt Jesus: Merkt ihr nicht, dass euch das nichts nützt, dass es euch nicht reicht? Wenn ihr nicht das Fleisch des Menschensohnes esst und sein Blut trinkt, werdet ihr nicht wirklich glücklich werden. Das Bedürfnis nach Essen ist nur die Hinführung, um die wahre Natur eurer Bedürfnisse zu verstehen. Nun, wenn auch ihr beginnt, die Tiefe der menschlichen Bedürfnisse zu verstehen, wird sofort klar, dass nicht ihr die Antwort seid auf eure Bedürfnisse wie auf die der anderen, eures Freundes, eurer Freundin, eurer Kinder, und so weiter. Die Mehrheit der Leute, die ehrenamtlich tätig sind, meinen – in guter Absicht –, sie könnten auf die Bedürfnisse der anderen antworten. Sie sehen dieses Tiefe nicht. Daher bedeutet das, was sie machen, letztlich nicht, die Bestimmung des anderen in ihrer Gesamtheit zu lieben. Nur wenn wir die wahre Natur seiner Bedürfnisse sehen, wenn wir uns bewusst werden, dass nicht wir die Antwort darauf sind, dass es darum geht, sich einem Anderen zu öffnen („Es ist ein Anderer, der sie glücklich machen kann“), dann können wir wirklich ohne Angst unserer Menschlichkeit und der unserer Brüder und Schwestern ins Auge schauen und uns immer mehr öffnen. Wir beginnen vielleicht zu verstehen, worin der Unterschied zwischen der Caritativa und dem Ehrenamt liegt. Aber das sind nur Hinweise, die wir beim nächsten Mal weiter ausführen können. Ich lasse diesen Punkt offen: Worin seht ihr den Unterschied zwischen dem, was einige eurer Kommilitonen ehrenamtlich tun, und dem, was ihr bei der Caritativa tut? Achtet einmal darauf, welche Erfahrungen sie machen und welche ihr macht. Denn eine Erklärung reicht da nicht. Was ihr heute Abend gehört habt, muss im Feld verifiziert werden. Nur wenn es auch in eurer Erfahrung auftaucht, werdet ihr verstehen, dass die Caritativa, so wie sie vorgeschlagen wird, eine erzieherische Dichte und Intensität hat, die viel stärker ist als bei einer ehrenamtlichen Tätigkeit. Das Ehrenamt ist eine gute Sache, dass wir uns da richtig verstehen. Etwas zu tun ist viel besser, als seine Zeit zu vergeuden. Das ist etwas Wertvolles. Aber man muss auch erkennen (durch das, was ihr heute gesagt habt und was ihr merken werdet, wenn ihr weitermacht), worin der Unterschied zur Caritativa besteht. Jeder möge den Vergleich anstellen. Was uns überzeugen wird, die Caritativa so zu machen, wie sie vorgeschlagen wird, und sie nicht aufgrund des Einflusses der allgemeinen Mentalität auf eine ehrenamtliche Tätigkeit zu reduzieren, kann nur die Erfahrung sein, und der Vergleich mit dem, was wir um uns herum sehen. Um zu vermeiden, dass sie reduziert wird, hat die Caritativa einen Leiter, und das ist nicht nur ein äußerlicher Zusatz. Außerdem haben wir ein Instrument, einen Text, der es uns leichter macht, ihn nicht zu reduzieren. Der gesamte Gestus besteht daher aus einer engen Verbindung von Wort und Tat, damit keines von beiden reduziert wird. Also los!

von Redaktion

Wichtige Beiträge