SYRIEN

Aktuelles    ,  ·  28.Mrz 2017  ·  0 kommentar  ·  von Giorgio Buccellatti und Marilyn Kelly-Buccellatti
Zwei Momentaufnahmen, die die Zerstörung in Maaloula zeigen.

Die Zukunft bewahren

Nach fünf Jahren kehrten die Archäologen Giorgio und Marilyn Buccellatti in das vom Krieg zerstörte Land zurück. Sie berichten vom Mut ihrer dortigen Kollegen, die teilweise ihr Leben riskieren, um Kulturgüter zu retten.

Vor einem Monat waren wir in Damaskus, zum ersten Mal seit fünf Jahren. Die lange Abwesenheit wurde uns aufgezwungen durch den Krieg, der leider immer noch nicht zu Ende ist. Doch auch in dieser tragischen Zeit waren unsere Archäologen-Kollegen in Syrien nicht untätig. Durch die Begegnung mit ihnen sind wir jetzt wieder auf dem neuesten Stand über die großartige und mutige Arbeit, die sie weiterhin leisten. Sie haben die unglaubliche Herausforderung, der sie gegenüberstehen, in Ruhe angenommen, um die Werte zu bewahren, die im Augenblick im Namen von Pseudo-Werten negiert werden. Immer wieder mussten sie mit Mut und Entschiedenheit der Gewalt widerstehen und sich dabei auf die innere Kraft stützen, die aus dem Glauben an die wahren Werte erwächst. In unserem Fall waren das die Werte der vergangenen Kulturen, wie wir sie durch die Monumente kennen, die wir ausgegraben haben.

Die Situation in Syrien hat uns an den Titel des nächsten Meetings in Rimini erinnert: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.“ Die Syrer erwerben sich tatsächlich ihre Zukunft. Unsere dortigen Kollegen in der Archäologie tun das, indem sie die Vergangenheit verteidigen und bewahren, eine Vergangenheit, die in Syrien, wie in Italien, sehr beredt Zeugnis ablegt. Es sind Kollegen von der syrischen Generaldirektion für Altertümer und Museen. Sie leben und sterben – oft im wörtlichen Sinne – in Syrien. Khaled Asaad ist inzwischen weithin bekannt, der Direktor der antiken Stätten von Palmyra und ein lieber Freund von uns, der brutal ermordet wurde, nur weil er Beamter der Generaldirektion war. Insgesamt fünfzehn Beamte der Altertumsbehörde sind umgekommen, weil sie ihre Arbeit taten. Doch viele führen trotz immenser Schwierigkeiten in ganz Syrien ihre Arbeit fort. Wir durften auch feststellen, wie sehr sie alle ihrem Generaldirektor Maamoun Abdulkarim verbunden sind, einer charismatischen Gestalt, der weit über Syrien hinaus bekannt ist. Viele Kollegen sind noch jung und sprechen mit wirklich bewegendem Enthusiasmus über ihre Arbeit. Die meisten erklären, sie wollten im Land bleiben, für das Syrien von heute und von morgen. Um sich ihre Zukunft zu erwerben.

Der Archäologe Buccellati

Ein Fixpunkt. Sie tun das mit der hohen Professionalität, die schon immer ein Kennzeichen der syrischen Altertumsbehörde war, aber jetzt durch die Krise noch deutlicher wird. Dass wir persönlich in Damaskus waren und direkt mit den Leuten sprechen konnten (und nicht nur schöne Worte aus der Ferne austauschen), stellte sich als sehr wertvoll heraus. Gemeinsam mit einem guten Dutzend Kollegen aus Europa und den USA haben wir technische und methodische Aspekte diskutiert, wie bei jedem anderen wissenschaftlichen Kolloquium auch. Doch der professionelle Austausch nahm hier einen Ton an, den wir von keiner anderen solchen Begegnung bisher kannten. Er kam daher, dass alle die Ansicht teilten, die Archäologie habe einen tiefen Wert für den Menschen. Natürlich gab es auch Meinungsverschiedenheiten und Unstimmigkeiten, aber vorherrschend war das Bewusstsein, dass das Bewahren der Vergangenheit für die Zukunft nicht nur dem Wissen als Selbstzweck dient, sondern einen Fixpunkt darstellt, an den man sich festhalten kann, wenn der Untergang droht. Die syrischen Kollegen in Damaskus haben uns das Privileg zuteil werden lassen, uns als Teil dieses Unterfangens zu begreifen. Sie haben uns umarmt in der unnachahmlichen syrischen Art, die zum Ausdruck bringt, dass man den anderen an sich ziehen will und sich ihm gleichzeitig hingibt.

Wir haben uns auch mit den jungen Archäologen „unseres“ Gebiets getroffen und lange über unsere Ausgrabungsstätte gesprochen, die wir leider nicht besuchen konnten. Bei den Arbeiten in Urkesh hatten wir von Beginn an das vor Augen gehabt was das Thema des Meetings ausdrückt, obwohl wir es damals natürlich noch gar nicht kannten: das Ererbte erwerben! Uns war bewusst, dass es wichtig war für die Zukunft, auch wenn wir uns die heutige tragische Situation nie hätten vorstellen können. Darüber haben wir in Damaskus gesprochen. Und darüber, wie wir versucht hatten, die örtliche Gemeinschaft einzubeziehen, angefangen bei unseren Arbeitern, und sie für die Geschichte ihres Ortes und den Wert der Architektur und der Objekte, die wir ausgruben, zu sensibilisieren. Und wir wollten konkret etwas für die örtlichen Gemeinden tun.

Die Löwenstatue in Palmyra, die vom IS zerstört worden war, wurde im April 2016 von einer syrisch-polnischen Expedition wieder zusammengefügt. (Foto: B. Markowski)

Ein Modell. Als wir mit unserem Projekt begannen, bestand die Schule aus einem dunklen Raum, dessen Dach undicht war. Wir haben eine neue Schule gebaut. Sie war kein Palast, aber sie hatte zwei Räume, ein neues Dach und große Fenster, die viel Licht hereinließen. Glücklicherweise ließ die Regierung ein paar Jahre später noch bessere Schulen errichten, sowohl in unserem Dorf als auch in der Umgebung.

Ein weiteres Beispiel: Wir haben Menschen mit Behinderung eingestellt und mit ihnen, ihren Familienangehörigen und Freunden überlegt, welche Art von Arbeit sie tun könnten, ohne sich zu gefährden. Wir haben das Kunsthandwerk gefördert, das die Frauen dort herstellen, mit Blick auf einen eventuellen späteren Umwelt- und Archäologie-Park. Und so weiter und so fort. Darüber haben wir mit den Kollegen in Damaskus gesprochen als ein mögliches Modell für das neue Leben, zu dem die Archäologie einen Beitrag leisten könnte. Und sie haben noch andere Gesichtspunkte dazu beigetragen.

Die zerstörte Löwenstatue von Palmyra (Foto: B. Markowski)

Zwei Vorträge der Tagung möchten wir noch hervorheben, die uns besonders interessant scheinen.
Der erste kam von einem Kollegen der Warschauer Universität, Bartosz Markowski. Seine Präsentation drehte sich um die polnische Arbeit in Palmyra, die eine lange Tradition hat. Während der Ausgrabungen 1977 entdeckte die polnische Expedition eine riesige Löwenstatue, Symbol einer präislamischen Gottheit namens „Allat“, die der Athene entspricht. Die Statue wurde in Bruchstücken geborgen und in zwei Phasen von der polnischen Arbeitsgruppe restauriert. Dann hat man sie an exponierter Stelle am Eingang des Museums aufgestellt. So wurde sie zur leichten Beute für die zerstörerische Gewalt des „Islamischen Staates“ und in noch kleinere Stücke zertrümmert, als sie es früher gewesen war. Als Palmyra zurückerobert wurde, sorgte die Generaldirektion dafür, dass Markowski sofort dorthin kommen konnte, um alle Fragmente der Statue zu bergen. Auch die von weiteren Statuen, die innerhalb des Museums zerstört worden waren, sammelte er ein und brachte sie nach Damaskus, damit sie wieder restauriert werden können. Der Vortrag von Markowski bei unserer Tagung bot einen detaillierten Überblick über die technischen Aspekte der ganzen Geschichte und eine umfangreiche Dokumentation. Einige der Bilder dürfen wir hier zeigen mit Genehmigung von Herrn Markowski. Allerdings kam genau in dem Moment, als er seinen Vortrag beginnen wollte, die Nachricht, dass Palmyra wieder gefallen sei. Man kann sich leicht den Gemütszustand vorstellen, in dem wir uns alle dann befanden …

Maalula vor dem Krieg mit Dutzenden illuminierter Kreuze

Ein zweiter Vortrag, der uns tief berührt hat, war der über Maalula. Das ist eine kleine Ortschaft nicht weit von Damaskus. Die Einwohner von Maalula sind Christen und sprechen einen aramäischen Dialekt, der der Sprache in Palästina zur Zeit Jesu sehr ähnelt. Es gibt dort eine große Anzahl Kirchen, darunter auch das Kloster der heiligen Thekla. Im Dezember 2013 fiel der Ort in die Hände der Regimegegner und im April 2014 wurde er von den Regierungstruppen zurückerobert. Unser Kollege Mahmoud Hamoud, Direktor der Abteilung, die in der Generaldirektion für die Region Damaskus zuständig ist, stellte in seinem Vortrag mit großer Eloquenz die furchtbare Zerstörung von Häusern und Kirchen in diesen vier Monaten dar und berichtete über die unmittelbar danach eingeleitete Restaurierungsarbeit. Die Bilder, die wir mit seiner freundlichen Genehmigung hier wiedergeben können, zeigen Momentaufnahmen aus dieser Zeit. Sie sprechen für sich. Auf zwei Bilder möchten wir besonders hinweisen. Das erste zeigt die Stadt vor der Zerstörung mit den erleuchteten Kreuzen kurz vor Sonnenuntergang. Hier wird eine starke christliche Präsenz deutlich, die sich frei und offen zum Ausdruck bringen konnte. Das zweite Bild stammt von 2015: Oben rechts sieht man eine große Statue der „Friedenskönigin“, wie die arabische Schrift zu ihren Füßen sagt. Darunter am Felsen ein Kreuz mit der arabischen Beschriftung: „Licht der Welt“.

Die Muttergottesstatue, die nach den Angriffen des IS wieder aufgerichtet wurde. (Fotos: M. Hamoud)

„Kunstmord“. Darin können wir ein Symbol für das erkennen, was wir am Anfang gesagt haben. Eine frühere Statue war 2013 zerstört worden. Die neue Statue stellt nicht nur ein Wiedergewinnen der Vergangenheit dar. Sie ist auch eine deutliche Bekräftigung dafür, dass diese wiedergewonnene Vergangenheit die Zukunft ist. Sowohl die Geschichte Maalulas als auch die Art und Weise, wie sie in Damaskus präsentiert wurde, sind ein Modell dafür, wie man dieser Ideologie der Gewalt entgegentreten kann, die auf so traurige Weise an den Häusern und Kirchen von Maalula exerziert wurde. So systematisch, wie sie ausgeübt wird, zielt diese Gewalt darauf ab, aus Syrien ein neues Auschwitz der Kultur zu machen. Einen „Kunstmord“, der die Fundamente der großen syrischen Kultur zerstören soll. Das ist nicht nur die Gewalt eines unkontrollierbaren Furors. Es ist die Gewalt einer Ideologie, die kaltschnäuzig jeden Gedanken daran zurückweist, dass es neben ihr noch eine andere Idee geben könnte. Es reicht nicht, dass man die Menschen tötet, man muss auch noch ihre Kunstwerke „ermorden“. Damit beraubt man eine soziale Gruppe der Grundkoordinaten, auf denen sie ihre Identität aufbauen kann. Darin haben die Angriffe in Syrien eine ganz neue, erschreckende Tragik.

von Giorgio Buccellatti und Marilyn Kelly-Buccellatti

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