UGANDA – PATER TIBONIS WEG

CL    ,  ·  13.Sep 2017  ·  0 kommentar  ·  von Alessandra Stoppa
Pater Tiboni mit der Gemeinschaft von CL in Uganda, 90er Jahre.

Am 13. Juni 2017 starb der Comboni-Missionar Pietro Tiboni, der „Vater“ der Bewegung Comunione e Liberazione in Uganda. „Ein Mensch, der sich Gottes absolut sicher war.“

Pater Pietro Tiboni nannte es den „realistischen Weg“. Er ist ihn bis zum Ende gegangen. Auch noch als er ans Bett gefesselt war durch seine Parkinson-Erkrankung. Denn es kommt nicht auf die Kraft an. Dieser Weg, so pflegte er zu sagen, „ist nicht etwas, das man machen müsste. Es ist ein Faktum, das schon da ist.“ Die Gegenwart Christi und die Gemeinschaft, die daraus entsteht. Nur dadurch konnte er die Wirklichkeit annehmen, auch die schwierigste, selbst die grausamen Gemetzel unter den Stämmen in Afrika.

Pater Pietro Tiboni.

Pietro Tiboni war Comboni-Missionar. Er starb in Gulu, Uganda, am 13. Juni 2017 im Alter von 92 Jahren. Die Begegnung zwischen ihm und einigen jungen Ärzten aus Italien im Jahr 1970 war der Beginn von CL in Uganda.  „Wir sind nur wenige?“, so begegnete er gleich einem Einwand, der sich aufdrängte, wenn man die winzige Gemeinschaft vor dem Hintergrund des riesigen afrikanischen Kontinents mit all seinen Problemen sah. „Das heißt, unser Weg ist ein Pfad und keine Autobahn. Aber das einzige, worauf es ankommt, ist, dass es der richtige Weg ist.“

Damit es auch wirklich der richtige blieb, hielt Tiboni Kurse über den Religiösen Sinn. Auch während des Bürgerkriegs, auch für Leute, die vor dem Genozid in Ruanda geflohen waren. Statt Waffen schlug er ihnen die Bewegung vor. Einmal trat er mitten in einem Gefecht aus dem Unterstand und forderte die Kämpfer auf zu beten.

„Er war ein Mensch, der sich Gottes sicher war,“ sagt Rose Busingye, die Verantwortliche von CL in Afrika. Sie war noch ein Kind, als sie „Tibo“ kennenlernte. Ihre Familie wohnte in Kampala in der Nähe seiner Missionsstation. „Er war wie ein Vater für mich. Mehr als mein leiblicher Vater. Er hat mich auch die Bedeutung meiner natürlichen Wurzeln gelehrt.“ Rose ist gerade aus Kitgum zurückgekehrt, von der Beerdigung. Tiboni wollte in Kitgum beerdigt werden, im Norden Ugandas, wo seine erste Pfarrei gewesen war. Mit vier Bussen voller Frauen ihres Meeting Point war sie dorthin gefahren. Auch diese Initiative für Aidskranke ist aus der Freundschaft mit Tiboni entstanden. „Ich habe viel geweint“, berichtet sie. „Dieser Mensch hat mich gerettet. Ich habe seinen Leichnam gesehen: Er war jetzt ganz klein, richtig geschrumpft und geschunden durch die Krankheit. Aber das ist nur äußerlich … Genau dadurch erkennt man die Wahrheit: Er ist nicht mehr bei uns, er ist jetzt bei Christus. Und in diesem Augenblick wollte ich schreien, aus der Tiefe meines Herzens, um Vergebung. Nicht für ihn, sondern für mich.“

Dieses so zerbrechliche Fleisch ist für Rose der Mittler zu Gott geworden, der gar nicht so ist, wie sie gedacht hatte. „Der wichtigste Moment war, als ich einen Text las, den Padre Tiboni mir gegeben hatte. Darin spricht Giussani darüber, dass Gott Fleisch geworden ist. Ich lief gleich zu Tiboni und fragte: ‚Tibo, hat dieses Fleisch etwas mit meinem Fleisch zu tun?‘ Er antwortete: ‚Ja, es hat mit deinem Fleisch zu tun. Gott ist auf die Erde gekommen für dich und für mich. Wenn wir dazu in der Lage gewesen wären … wären wir Gott geworden. Dann hätte Er nicht zu kommen brauchen.‘ Von dem Moment an wurde Gott für mich interessant.“

 

Tiboni mit Rose Busingye, 80er Jahre.

Die Fotokopien und der Kirschbaum. Rose wurde in eine katholische Familie geboren. Aber so etwas hatte sie noch nie gehört. „Das war ja fast eine Gotteslästerung. Mein Fleisch? So etwas nichtiges, elendes, schmutziges. Wenn meine Mutter mit mir über Gott sprach, dann dachte ich, Er sei nur etwas für Leute, die keine Sünden begehen, nicht für so armselige wie mich. Ich fühlte mich als ein Nichts, völlig unfähig. Aber durch die Begegnung mit Tibo und der Bewegung habe ich entdeckt, dass Gott dieses Nichts liebt und es annimmt, um es zu retten.“

Von da an änderte sich alles. Ihren Höhepunkt fand Rose Geschichte in der persönlichen Begegnung mit Giussani, dessen Gesicht sie bis dahin nur von Fotokopien kannte, die Tiboni ihr gegeben hatte. „Tibo hat mir die Bewegung vorgeschlagen, und ich bin ihm gefolgt, ohne zu verstehen, um was es ging. Es war eher so, als sei das meine Familie. Meine Mutter wusste nie, wo ich war. Aber sie war zufrieden, weil sie ihm vertraute. Dieser Mensch liebte Jesus zutiefst.“ Inwiefern? „Er ließ keinen Raum für sich selbst. Er tat alles für Jesus. Er gab alles den Armen. So sehr, dass es ‚naiv‘ schien. Die Leute forderten immer mehr und betrogen ihn auch. Aber ihn interessierte das nicht. Er vertraute auf Christus, nicht auf das, was er tat. Er gab alles hin. Er gab es Jesus. Einmal sah er einen Jugendlichen vorbeilaufen und blickte ihm wohlwollend nach … Der hatte ein Hemd mit Priesterkragen an! Es war seins …“

Tiboni war zwölf Jahre alt, als er sein Heimatdorf Tiarno di Sopra in der Nähe des Gardasee verließ und ins Knabenseminar eintrat. Aus dieser Gegend stammte auch der heilige Daniele Comboni. Eines Tages hatte Tiboni unter einem Kirschbaum die „klare und unausrottbare“ Intuition, dass er in die Fußstapfen dieses Heiligen treten solle. Mit dieser Gewissheit sagte er seinen Oberen, die ihn für eine akademische Karriere ausersehen hatten: „Mein Rom ist in Afrika.“ So kam es, dass der Doktor der Philosophie und Theologie Bürgerkriege, Flucht, Vertreibung und alle mögliche Gefahren durchzustehen hatte.

Sein erstes Ziel war 1957 der Sudan, wo er bis Ende 1964 lebte, als das islamistische Regime alle katholischen Missionare auswies. 1970 kehrte er nach Afrika zurück, diesmal nach Kitgum im Norden Ugandas. Obwohl er schon ein erfahrener Missionar war, beeindruckten ihn Enrico Guffanti und die anderen Ärzte von CL, die dort als Freiwillige arbeiteten. Später sagte er einmal: „Aus missionarischer Sicht schienen sie mir Zwerge. Aber sie hatten etwas, was ich bei niemandem sonst gesehen habe: Sie stellten Jesus in den Mittelpunkt von allem. Und dann die Gemeinschaft, die sie lebten.“ Kurz darauf besuchte Don Giussani Kitgum. „Seit ich ihn gesehen habe, bestand mein ganzes Leben darin, sein Charisma zu verbreiten“, berichtete Tiboni. „Und das tue ich noch heute. Denn darin geht es um Christus, und Christus ist unendlich. Er ist unerschöpflich.“

Bei der Beerdigung in Kitgum, 20. Juni 2017.

Auch Tibonis Idee von „Mission“ vertiefte sich dadurch. Und das Charisma prägte auch das Verständnis seiner eigenen Berufung. „Auf der Suche nach einer wirklich wirksamen missionarischen Methode bin ich CL begegnet“, sagte er 1991. Zehn Jahre zuvor, mitten im Bürgerkrieg, hatte die Bewegung durch ihn in Uganda Fuß gefasst. Zunächst hieß sie Christ, Communion and Life (CCL), denn das Wort „Befreiung“ war in diesen Jahren zu zwielichtig. Der Name Communion and Liberation war schon in den Fokus des Geheimdienstes geraten. Tiboni war erst kurz zuvor nach Uganda zurückgekehrt, nachdem ihn Präsident Amin 1975 ausgewiesen hatte. Während seiner Abwesenheit besuchte Don Francesco Ricci die Gemeinschaft von Uganda häufig und wurde ihr ein Vater, wofür ihm Tiboni immer sehr dankbar war. „Ihm haben wir es zu verdanken, dass die Präsenz von CL in Kitgum weitergehen konnte.“

Auch in jenen tragischen Jahren hatte Tiboni nie Zweifel: Das Problem ist kein politisches, deshalb kann die Politik auch nicht die Lösung bieten. „Das Problem besteht darin, dass man sein Menschsein entdecken muss, seine Fragen und Sehnsüchte. Sonst kann man die Antwort nicht erkennen.“ Als er 1986 die Freunde im Norden besuchte, wurden sie dort vier Monate lang eingeschlossen durch die Guerillakämpfe. In dieser Zeit der Isolierung hielt er drei oder vier Mal am Tag „Schule des religiösen Sinns“. Auf Englisch, Acholi und Italienisch. „In dieser Situation haben wir sehr intensiv gearbeitet“, berichtete er. „Durch diese Beschäftigung mit unserer Menschlichkeit konnten wir die Realität annehmen.“ John Baptist Odama, der Bischof von Gulu, sagte bei der Beerdigung Tibonis: „Wo er auch hinkam, forderte er die Menschen auf, sich auf Christus zu konzentrieren.“

 Der erste Märtyrer. Sein Leben lang lehrte Pater Tiboni in Seminaren. Dabei war es stets sein Wunsch, die Priesterausbildung in einem aktiven apostolischen Umfeld zu verwurzeln. Daher gründete er in Kitgum ein Berufungsseminar, das seinen Schwerpunkt auf die Pastoral und das Gemeinschaftsleben setzt. Beim Meeting in Rimini 1994 sagte er: „Ich unterrichte in drei Seminaren. Aber freitags gehe ich dort hin, wo Rose und die anderen arbeiten, und besuche die Kranken. Es ist eine unermessliche Freude, sie so glücklich zu sehen und Jesus Christus so nah. Das brauche ich, um unterrichten zu können.“ In seinen öffentlichen Zeugnissen und Vorträgen betonte er immer wieder, dass er alles durch den Glauben und die Erfahrung seiner „Kinder“ lerne. Zu ihnen gehören Rose und viele andere. Aber auch Francis Bakanibona, der „erste Märtyrer“ von CL. 1982 wurde er in einem Dorf nahe Kampala von Soldaten mit Knüppeln und Messern ermordet, weil er die Anweisung nicht befolgt hatte, mit seinen Gebetstreffen aufzuhören. Wenige Wochen vor seinem Tod schrieb er an Tiboni: „Lieber Pater, die Leute sagen: ‚Ihr seid ganz anders als die anderen, so wie ihr redet und euch verhaltet.‘ Diejenigen, die unsere Art kennenlernen, schließen sich uns an und freuen sich, wenn wir ihnen von CCL erzählen. (…) Bete für uns und für unsere Leute, dass ihnen bewusst wird, dass wir nur durch Christus Frieden und Freiheit erlangen werden.“

Eines der wichtigsten Dinge, die Pater Tiboni hinterlassen hat, ist das Gebet. Darin lag für ihn alles. „Wenn ich etwas anfange, ohne zu beten, dann ist das, als wollte ich mit einem Gipsbein Fußball spielen. Das habe ich von Pater Tiboni gelernt“, schrieb Rose einmal. „Beten, tief und ernsthaft beten, heißt mit Christus beten, der in mir und in der Gemeinschaft gegenwärtig ist. Bitten wir darum, dass Er immer gegenwärtiger werde, in jedem Augenblick. Denn ohne ihn können wir nichts tun.“

Zu Beginn von CCL entstand auch der Weiheakt, das Gebet, das Tiboni so am Herzen lag. Darin weiht man sein ganzes Leben, „alle Freuden und Leiden“, durch die Hände der Gottesmutter Christus. Er verglich es mit dem Herzensgebet des russischen Pilgers: „Den Weiheakt lernt man auswendig und betet ihn tausend Mal am Tag. Man gibt sich ganz hin und dankt für die Gnade der Gemeinschaft. Denn die Gemeinschaft in Christus ist ein Geschenk, um das man bitten muss.“ Mit dieser Bitte im Herzen stand er jeden Morgen auf. Er meinte: „Am Morgen weiß ich nie, was die Bewegung ist. Denn die Bewegung ist die Begegnung mit Christus. Ich weiß nicht, wie ich ihm den Tag über begegnen werde. Aber ich bitte darum, ihm begegnen zu können. Am Abend weiß ich dann, was die Bewegung wirklich ist und wie ich Christus begegnet bin. Es gibt immer etwas Neues. Diese Erwartung bedeutet, dass man immer anfängt, immer wieder neu.“

von Alessandra Stoppa

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