WIE JOHANNES UND ANDREAS

CL, Kirche    ,  ·  18.Dez 2018  ·  0 kommentar  ·  von Davide Perillo
© lzf/Shutterstock

Zeugnis einer jungen Inderin

Gaia ist die junge Inderin, von der Carrón bei den Exerzitien der Fraternität gesprochen hat. Wir wollen hier ihre Geschichte erzählen. Wenn man es genau betrachtet, erinnert sie an die von Johannes und Andreas, den ersten Jüngern Jesu. Es geht um eine Begegnung, um Vertrauen, und um eine neue Art, die Wirklichkeit zu sehen.

Sie erinnert sich noch genau an den Tag. Es war der 12. März, vor fünf Jahren. Bei einer Vorlesung über Kunstgeschichte an der Universität. „Dort hat sich mein Leben völlig verändert“, sagt Gaia. Kurz zuvor hatte sie ihren Vater verloren. Er war sehr schnell an einem bösartigen Tumor gestorben, der keine drei Monate vorher festgestellt worden war. „Ich habe geweint. Es tat so weh. Ich dachte daran, wie ich ihn oft behandelt hatte, an das, was er mir zuletzt gesagt hatte, das letzte, was wir zusammen gemacht hatten.“ Gaia litt sehr und wahr untröstlich. Im wörtlichen Sinne. Die Versuche ihrer Freunde, sie abzulenken, blieben erfolglos. Auch wenn ihr jemand sagte: „Es wird schon wieder …“, half ihr das nichts. Auch an jenem 12. März, bei der Vorlesung, konnte sie ihren Kummer nicht zurückhalten. Während der Professor sprach, liefen ihr die Tränen herunter. Die Freundinnen, die neben ihr saßen, flüsterten: „Beruhige dich …“ Ein Studentin in der Reihe vor ihr, die sie nicht kannte, drehte sich um und fragte: „Was ist los? Geht es dir nicht gut?“

Gaia sagte ihr, dass ihr Vater gestorben sei. Und die Studentin, die sie nie zuvor gesehen und mit der sie nie ein Wort gewechselt hatte, fing selber an zu weinen. „Das hat sie wirklich berührt. Sie war bewegt! So wie sie hatte mich noch niemand gefragt, wie es mir geht! Nicht einmal bei der Beerdigung meines Vaters. Ich glaube, in meinem ganzen Leben hat mich noch nie jemand gefragt, wie es mir eigentlich geht. Das war das erste Mal, das jemand mir diese Frage stellte.“

So stieß Gaia (ihre Mutter ist Inderin und ihr Vater war Spanier) auf etwas, an das sie im Traum nicht gedacht hätte: Christus. Einen kleinen Einblick in ihre Geschichte haben wir schon bei der Exerzitien der Fraternität bekommen, als Julian Carrón einen Abschnitt aus dem Brief vorgelesen hat, den sie an Nacho Carbajosa, den Verantwortlichen der Bewegung in Spanien, geschrieben hatte. Darin ging es um diese ihre Begegnung mit dem Christentum in Madrid. Wie sie dadurch eine neue und viel menschlichere Art zu leben entdeckt hat. Und um ihren Schmerz und den Versuch, dem allen zu entfliehen, nachdem ihre Beziehung mit einem jungen Mann aus der Bewegung eine unerwartete Wendung genommen hatte, weil dieser sein Leben Gott weihen will.

Doch auch in London, wohin sie inzwischen gezogen ist, oder in Indien, wohin sie zurückgekehrt war auf der Suche nach Glück, hat das, was sie durch diese Begegnung kennengelernt hatte, sie nicht mehr losgelassen. „Ich trage es in mir“, sagt sie in dem Brief. „Jeden Tag, wenn ich aufstehe, bitte ich darum zu erfahren, dass Christus mich nicht allein lässt. Und ich kann auch nicht behaupten, dass ich allein bin. Ich kann es nicht. Ich denke, Jesus muss so gewesen sein wie ihr: ein Mensch, der anderen hilft zu verstehen, auf den Grund ihres Herzens zu schauen und die Dinge zu verstehen. Genau so, wie es mir erging, als ich euch getroffen habe. Jetzt verstehe ich mehr und kenne mich besser. Manchmal merke ich, wie ich alles durcheinander bringe. Als würde ich die Schritte, die ich schon gemacht habe, vergessen. Dann bin ich unglücklicher, ja vielleicht sogar dümmer. Aber ich kann das, was ich schon erlebt habe, was ich schon in mir trage, nicht vergessen. Ich warte immer darauf, dass Christus wiederkommt und ich ihm wieder begegne. Ich suche ihn. Ich schaue den Leuten ins Gesicht in der Hoffnung, dass jener Blick, jene Augen wieder auftauchen. Ich hoffe, ihm zu begegnen in jedem Menschen, den ich treffe.“ Und am Schluss schreibt sie: „Mein Leben ist unruhiger geworden, auch schmerzhafter, seit ich Christus begegnet bin. Aber es ist lebendiger. Es ist, als sei er die Quelle meines Lebens. Ich war tot und jetzt lebe ich.“

„Jeden Tag, wenn ich aufstehe, bitte ich darum zu erfahren, dass Christus mich nicht allein lässt. Und ich kann auch nicht behaupten, dass ich allein bin. Ich kann es nicht. Ich denke, Jesus muss so gewesen sein wie ihr: ein Mensch, der anderen hilft zu verstehen, auf den Grund ihres Herzens zu schauen und die Dinge zu verstehen. Genau so, wie es mir erging, als ich euch getroffen habe. Jetzt verstehe ich mehr und kenne mich besser.“

Ein anderes Leben, lebendiger. Mit einem neuen Blick auf die Dinge, einer neuen Wahrnehmung. Die Geschichte von Gaia scheint genau das zu illustrieren, was Don Giussani meint, wenn er erklärt: „Johannes und Andreas, die ersten, die auf Jesus gestoßen sind, haben, indem sie dieser außergewöhnlichen Person gefolgt sind, gelernt, anders zu verstehen und sich selbst und die Wirklichkeit zu verändern.“ Wenn man Gaias Geschichte hört, kommt es einem vor, als blättere man im Evangelium. Man sieht, wie sich nach und nach der Gebrauch der Vernunft ändert und die Gefühle. Und all das hat genau an jenem Tag im März 2013 in einem Hörsaal der Universität von Madrid begonnen.

Die Studentin, die so mitfühlend war, heißt Anita. Sie ist in Argentinien geboren, lebt aber in Spanien. Am gleichen Abend noch bekommt sie eine Mail: „Ich wollte dir danken für heute. Du hast mir sehr geholfen, als du mir gesagt hast, niemand könne mir diesen Schmerz nehmen. Doch warum drängt es mich dann so, darüber zu sprechen? Und warum gerade mit dir, als du mich gefragt hast, wie es mir geht? Und warum hast du gefragt, wie es mir geht, statt nach meinem Vater zu fragen, nach seinen letzten Tagen und so weiter. Ich habe den Eindruck, du bist anders als andere. Es gibt etwas in deiner Persönlichkeit, das ich nicht begreife.“ Einem Freund erklärt sie: „Etwas, das sie gesagt hat, hat mich sehr beeindruckt: ‚Niemand kann dir diesen Schmerz nehmen. Aber er ist ein Zeichen dafür, dass deine Liebe für deinen Vater viel größer war als alles, was du je für ihn hättest tun können.‘ Das hat mir noch nie jemand gesagt.“ Dadurch öffnet sich ihr eine neue Perspektive.

Nach ein paar Tagen ist Anita bei Gaia zum Abendessen. Ihre Mutter erzählt von ihrem Mann und wie sie sich kennengelernt haben, als er als Soldat in Indien stationiert war. Und sie stellt viele Fragen. Alles Mögliche. „Ich habe von dem erzählt, was ich erlebt hatte“, sagt Anita. „Und sie sagte immer: ‚Nein, erzähl was vorher war.‘“ Anita erzählt ihre Geschichte, wie sie Leuten begegnet ist, die sie anders angeschaut haben, die anders lebten. Und wie sie entdeckt hat, dass dieses Andere eine unerwartete Ursache hatte: Sie waren Christen. „Ich kann mich an alle Namen erinnern, denn sie hat sie bestimmt tausend Mal wiederholt“, sagt Gaia. „Lucia, Maria, Natalia, Pablo … Während sie sprach, dachte ich: Was sie über diese Leute sagt, ist der gleiche Blick, mit dem sie mich angeschaut hat!“

© lzf/Shutterstock

Auch Anita hat in einem Brief an einen Freund von diesem Abendessen berichtet. Wenn man ihn liest, findet man das gleiche bewegte Staunen. „Die Mutter hat mich irgendwann gefragt: ‚Dann glaubst du also an Gott?‘ Und ich habe geantwortet: ‚Ja, aber nicht an einen fernen Gott. Sondern an einen, der mich begleitet, jeden Tag.‘“ Sie erzählte von Begebenheiten, Veranstaltungen, Freundschaften. Und während sie sprach, fiel ihr auf, dass sie dem ähnelten, was man im Evangelium von Jesus und den Jüngern liest. „Die gleichen Gesten. Gaia und ihre Mutter hörten mir mit großen Augen zu. Irgendwann sagte die Mutter: ‚Mamma mia, ein solcher Gott, wie kann das sein?‘ Ich konnte es kaum glauben. Ich war unheimlich gerührt.“

Nach dem Abendessen wendet sich Gaia an ihre Mutter und sagt: „Siehst du? Das ist der Blick, von dem ich dir erzählt habe. Hast du das schon jemals bei anderen gesehen?“ Bevor sie sich verabschieden, sagt sie zu Anita: „Selbst wenn du oder ich morgen verschwinden und wir uns nie mehr wiedersehen sollten, werde ich mich mein Leben lang an dieses Abendessen erinnern.“ „Sie hat besser begriffen als ich, was es heißt, dass die Dinge ewig sind“, schreibt Anita in ihrem Brief.

Seit diesem Abend füllt sich das Leben von Gaia mit neuen Gesichtern. Und jede Menge Fragen. Fragen über Freundschaft, und warum ihr die normale Art des Zusammenseins und „Blödsinn machen“ nicht mehr reicht. Fragen über die Beziehung mit ihrem Freund, die in eine Krise gerät aus genau diesem Grund. Sie erzählt Anita, was jetzt ihr Herz erfüllt, wenn sie mit Javi, Lucia und den anderen zusammen ist: „Ich kann niemandem erklären, was mir passiert ist durch dich. Sie müssen es sehen.“

Kurz darauf bricht Gaia nach Italien auf zu ihrem Erasmus-Semester in Pisa. Die ersten Tage sind hart: Land, Sprache, Vorlesungen … alles ist anders und fremd. Gaia sieht das ganz klar: „Ich brauchte dieses Neue, dieses ‚Wie geht es dir?‘ wieder.“ Sie sucht danach in einer Kirche, aus der sie mit den Worten „Wir schließen“ herausgejagt wird. Sie wird immer trauriger. Ihre Mitbewohnerinnen verstehen sie nicht. Sie will nach Hause. Bis eines Tages bei einer Vorlesung eine Kommilitonin ihr auf die Schulter tippt: „Entschuldigung, kommst du aus Spanien?“ Sie hatte gesehen, wie sie auf Whatsapp Spanisch schrieb. Die Kommilitonin heißt Martina und ist Italienerin. Die beiden fangen an zu reden, über die Kurse, die Mitschriften … „Wenn du willst, kann ich dir meine geben!“ „Das hat mich beeindruckt. Eine Unbekannte, die mir helfen wollte.“

Aber das wirklich Erstaunliche kommt nach der Vorlesung: „Hast du schon was vor? Sonst komm doch mit und ich stelle dir ein paar meiner Freunde vor.“ Gaia findet sich in einem Raum mit zwanzig Leuten wieder, die lernen oder über etwas diskutieren, was sie gerade gehört oder gelesen haben. Sie ist beeindruckt. „Man sah einen Unterschied zu allen anderen: Die hier waren glücklich.“ Sie fragt Martina, wer sie sind und warum sie sich so gut zu verstehen scheinen. „Wir gehören zu einer katholischen Bewegung, CL. Kennst du sie?“ „Da kamen mir sofort die Tränen“, berichtet Gaia später Anita. „Ich habe bei ihnen genau den gleichen Blick gesehen, den ich schon in Madrid gesehen hatte. Genau den gleichen.“

Sie verbringt mit diesen Leuten immer mehr Zeit, sie werden ihre „Schutzengel“. Die von CL laden Gaia zum Eröffnungstag nach Mailand ein, und sie kommt mit. Teils weil der, der ihn hält, ein gewisser Carrón ist. („Was für eine komische Freude, als ich erfuhr, dass er Spanier ist.“) Teils „weil ich verstehen wollte, was er mit Gegenwart meint“. Was dann in Mailand geschah, schildert sie selbst in einem Brief: „Ich war erschüttert darüber, wie sehr er von mir sprach, von meinen Problemen, von dem, was mich angeht. Maria Magdalena hat mich besonders beeindruckt.“ Aber eines versteht sie nicht: „Warum sagt Carrón, dass all das Christus ist? Ich habe bei meinen Freunden gesehen, wovon er sprach. Aber warum ist das Christus und nicht einfach sie, ihre Menschlichkeit?“ Diese Frage lässt sie nicht los. „Ich musste herausfinden, was mit mir geschehen war. Meinen Freunden sagte ich immer wieder: Ich muss dieser Frage auf den Grund gehen.“

Als Gaia wieder in Pisa ist, kauft sie sich als erstes eine Bibel. „Second hand, auf Spanisch gab es nur eine gebrauchte.“ Und sie beginnt zu lesen, Stück für Stück. Bei Maria Magdalena fängt sie an, bei der Stelle, die sie beim Eröffnungstag zum ersten Mal gehört hat: „Frau, warum weinst du? Wen suchst du.“ „Und dann ruft er sie beim Namen: ‚Maria!‘ Das Gleiche, was auch ich erlebt hatte. ‚Warum weinst du? Wie geht es dir, Gaia?‘ Genau das Gleiche!“ Dann liest sie das Alte Testament und die Psalmen. Jeden Abend ein Stückchen. „Ich konnte nicht mehr ohne. Ich las und sah, dass es um mich ging. Zum Beispiel habe ich jeden Morgen, bevor ich aus dem Haus ging, das erste Kapitel der Genesis gelesen. Dann ging ich auf die Straße und alles war anders: die Häuser, der Himmel, was um mich herum war … einfach herrlich! Und dann das Evangelium. Ich brauchte das. Als könnte ich mich nicht losreißen von dem Leben dieses Mannes.“

Es ist bewegend, wenn man die Mails aus dieser Zeit durchgeht. Sie pendeln ständig zwischen dem Leben und dem, was sie las. Einem Freund schreibt Gaia: „Einmal habe ich ein Buch der Bibel gelesen, das ‚Psalmen‘ heißt. Darin habe ich Folgendes gefunden (Psalm 8): ‚Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?‘ Wie anders sieht man doch alles um sich herum, wenn man anerkennt, dass alles für mich ist.“ Oder: „Jesus hat zu seinen Jüngern gesagt: ‚Was meint ihr? Wenn jemand hundert Schafe hat …‘ Das habe ich heute Morgen in der Messe gehört und konnte nicht aufhören zu weinen! Genau das hat Er mit mir gemacht! Er hat die anderen Schafe zurückgelassen und hat mich gesucht, weil ich mich nach dem Tod meines Vaters verirrt hatte. Jetzt begreife ich langsam. Ich beginne zu verstehen, warum Carrón sagt, dass ihr Christus seid. Aber ich muss noch mehr darüber wissen.“

Eugène Burnand, Petrus und Johannes eilen am Tag der Auferstehung zum Grab, 1898, Paris, Musée d’Orsay (© Erich Lessing/Contrasto).

Und das Leben antwortet, und zwar ähnlich wie in den biblischen Berichten: eine Begegnung, etwas, das geschieht, eine Faszination, die sich ausbreitet und die Vernunft weitet, während gleichzeitig die Beziehungen enger werden. Gaia lädt die Freunde zu sich nach Hause ein, wo sie gemeinsam lernen. Und ihre Mitbewohnerinnen sind beeindruckt: „Warum lernt ihr zusammen? Ihr studiert doch noch nicht einmal das Gleiche.“ Aber sie kommen auch dazu. Zuerst Diletta, dann Lisa, eine Deutsche. Nach einer Weile sagt sie: „Gaia, wenn ich mit dir zusammen bin, dann nehme ich mein Auslandssemester und mein Studium viel ernster. Es gefällt mir viel besser als früher, als ich nur von Abend zu Abend gelebt habe …“

Gaia liest oft den Text für das Seminar der Gemeinschaft. Sie geht zur Messe und ist gerührt, „weil die Lesungen immer von mir sprechen. Ich bin still und höre zu, mit einem Gefühl der Erwartung in mir. Ich erwarte alles, absolut alles. Ich erwarte ein neues Wort von Ihm. Ich erwarte, dass Er wieder zu mir spricht, mich etwas Neues erkennen lässt.“ Eine Freundin aus Spanien kommt zu Besuch, sie ist Atheistin. Und Gaia liest ihr immer wieder aus der Bibel vor und sagt: „Schau, das passiert mir gerade.“

Für ihre italienischen Freunde ist sie eine ständige Herausforderung. Der Advent beginnt. Gaia kennt das nicht, hat noch nie etwas von Weihnachten gehört, „nie eine Krippe gesehen“. Die Freunde von CL erklären ihr, worum es geht. Und sie stürzt sich auf die entsprechenden Seiten im Evangelium. „Da steht: ‚Und sie werden ihm den Namen Immanuel geben, das heißt übersetzt: Gott mit uns.‘ Gott mit uns! Gott mit mir! Wie bereite ich mich darauf vor?“

Die Beziehung mit einem der Studenten wird enger. Sie hat ihn bei einem Abendessen kennengelernt. Auch er hat seinen Vater verloren. Und auch er hat sie gefragt: „Wie geht es dir, Gaia?“ Mit diesen Worten, in denen irgendwie alles liegt. Sie verlieben sich. Und Gaia, die erstaunt war, als sie gesehen hatte, wie die Freunde hier miteinander umgehen, die es fast umgehauen hatte, als Marco und Martina ihr sagten: „In unserer Beziehung sind wir zu dritt. Je mehr wir Christus lieben, desto mehr lieben wir einander“, beginnt das Gleiche auch für sich zu entdecken. Es wird ihr klar an einem Abend, am Ufer des Arno, als sie noch den Psalm im Herzen hat, den sie kurz zuvor gelesen hat („Seh ich deine Himmel, die Werke deiner Finger“, Ps. 8) und das Schöne bei ihr tausend Fragen aufwirft: „Warum hast du mich so lieb? Womit habe ich das verdient?“ Er schaut sie an: „Gaia, Christus gibt dir die Antwort.“ „Wir haben uns umarmt und haben uns fünf Minuten lang nicht gerührt“, erzählt sie einem Freund. „Das war der wahrste Moment, den ich je mit einem Mann erlebt habe. Und wir haben uns nur umarmt.“

Über Weihnachten fährt Gaia nach Indien und verbringt die Ferien dort. Ihre Mutter empfiehlt ihr, mit den Verwandten vorsichtig zu sein, insbesondere mit der Großmutter. Christen sind dort nicht gut angesehen. Auf dem Flug liest Gaia Don Giussani und die Bibel, die mittlerweile voller Post-its ist. („Jedes Mal, wenn ich etwas las, das mir geschehen war, machte ich mir eine Notiz.“) In den ersten Tagen weiß sie nicht, wie sie sich verhalten soll. „Immer, wenn ich einen Verwandten traf, hörte ich das Gleiche: ‚Gaia, du hast dich verändert!‘ Und ich konnte nicht erklären, warum. Ich durfte nicht von Christus sprechen …“ Das gleiche Problem mit der Messe. An Weihnachten möchte Gaia zur Messe gehen. Im Internet hat sie eine Kirche und die Gottesdienstzeiten gefunden. Aber wie soll sie es anstellen? Heimlich hingehen?

Dann kommt der Abend des 24. Dezember. „Ein normales Abendessen. Für meine indische Familie war das kein Heiliger Abend. Aber es waren alle da.“ Die Fragen der Onkel und Tanten, Vettern und Kusinen führen irgendwann dazu, dass Gaia eine Entscheidung trifft. „Ich habe gemerkt, wie sehr sich alles für mich verändert hatte. Und ich habe es riskiert.“ Sie erzählt von Jesus. Wie sie ihm begegnet ist. Und von Anita, CL, der Bibel, der Messe … „Anderthalb Stunden lang hat mich niemand unterbrochen.“ Am Ende kommt ein Schwall von Fragen und Einwänden: die Priester, der Erzbischof … Gaia schaut immer öfter zu ihrer Großmutter. Die wirkt traurig. In einer Pause folgt sie ihr in die Küche und spricht mit ihr. „Gaia, es macht mir nichts aus, dass du es mir verschwiegen hast. Aber du hast ein anderes Gesicht. Du bist glücklich. Und ich würde gern verstehen, was dich so verändert hat. Und was mich traurig macht, ist, dass ich nicht das Gleiche erleben kann wie du.“ Als Gaia wieder nach Europa fliegt, sagt die Großmutter ihr zum Abschied: „Bete!“ Gaia muss an den Satz „Christus gibt dir die Antwort“ denken. Und an etwas, was ihr Vater ihr gesagt hatte: „Geh deinen Weg. Kämpfe, lache, tanze, lerne, reise, singe … alles immer ein bisschen mehr. Und hab keine Angst vor der Zukunft. Du musst dein Leben genießen.“ „Heute ist da eine Gegenwart, die mich, wenn ich kämpfe, lache, tanze oder lerne, immer glücklicher macht.“

Diese Gegenwart kann sie sich auch heute nicht mehr aus dem Herzen reißen, da das Leben sie anderswo hin geführt hat. Einiges dazu hat sie in dem Brief geschrieben, den Carrón bei den Exerzitien in Rimini vorgelesen hat. Dem jungen Mann aus Pisa ist mit der Zeit klar geworden, dass seine Berufung etwas anderes ist: die Jungfräulichkeit. Inzwischen ist er im Priesterseminar. Das war ein Schock für Gaia. „Ich hatte ein Jahr lang keine Lust mehr, mit irgendjemandem zu sprechen“, schreibt sie einem Freund. Sie versuchte, mit allem zu brechen. Und tausend Fragen brachen in ihr auf: „Wie kann ein Mann eine Frau, die er liebt, wegen so etwas verlassen? Wie kann es sein, dass man nichts verliert? Was für einen Unterschied gibt es zwischen der Gaia, die schon gerührt war, wenn sie den Himmel sah, und der Gaia, die jetzt so traurig ist?“ Doch diese Fragen öffnen sie auch für etwas anderes. Denn neben all diesen Fragen gibt es eine Gewissheit, die ihr niemand nehmen kann: „Er sagt, dass er in dem, was er jetzt tut, mich noch mehr liebt. Und das hört sich für mich nicht abstrakt an. Ich weiß das, weil die einzigen Menschen, die ich so tief habe lieben sehen, sich nur durch eines von allen anderen unterscheiden: Sie sind Christus begegnet. Das ist der einzige Unterschied.“ Das ist ein wertvolles Urteil, es steht in ihrem Herzen fest wie eine Eiche. Gaia hat anderswo gesucht: in London, in Indien. Sie hat andere Beziehungen ausprobiert, andere Wege, eine hinduistische Philosophie. Es war alles nichts. „Ich gehe hin, höre zu, trinke einen Tee mit ihnen und lese ihre Texte. Aber sie erklären mir nichts über mich. Und jeden Tag kommen mir die Tränen, wenn ich an Anita denke, an Javi …“, schreibt sie in einer anderen Mail. „Ich kann an dem, was mir geschehen ist, nicht mehr vorbeisehen. Es gibt nichts anderes im Leben, was denselben Wert hätte.“

von Davide Perillo

Wichtige Beiträge